Der Kanzler

Roland Düringer

Morgengrauen über den Dächern der Stadt. Die Vögel begrüßen den neuen Tag, aber heute Morgen
geht die Sonne unter. Der Kanzler, einst Hoffnungsträger der Partei, wird am Abend nach verlorener
Wahl der Politik den rückgratlosen Rücken kehren. Den Feind in den eigenen Reihen, eine
hochbezahlte, aber unglückliche Markenpositionierung und eine dreibeinige Hündin ‐ mehr brauchte
es nicht für einen Erdrutschsieg. Und der Kanzler stand genau darunter, am Ende des Erdrutsches,
dort, wo das Geröll und der übelriechende Schlamm zu liegen kamen. Politik ist eben ein beinhartes,
ein schmutziges Geschäft. Vielleicht hätte er sich doch öfters einer „Jagdgesellschaft“ anschließen
sollen, um krisensichere Seilschaften zu knüpfen. Wie gerne hätte er gestaltet und die Weichen für
eine bessere Zukunft gestellt, aber die Themen gaben stets die Hyänen in den Medienkonzernen und
die momentane Stimmung in der Bevölkerung vor. Politik wäre ja so einfach, wenn es nur diese
lästige Bevölkerung nicht gäbe. Anstatt zu agieren, hatte der Kanzler stets nur zu reagieren. Regieren
und reagieren. Klingt zwar ähnlich, ist aber etwas ganz Anderes.
Und während der Kanzler am frühen Morgen über den Dächern der Stadt an seiner letzten Rede feilt,
hört er wieder einmal die mahnenden Worte seiner Mutter: „Allen Menschen Recht getan, ist eine
Kunst, die niemand kann!“

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