ANG’SPEIST
In Wien isst man nicht nur gerne gut und billig,
sondern auch ausgesprochen reichlich.
Kein Wunder also, dass die Wiener des öfteren „ang’speist“ sind.
Dieser Begriff bezeichnet allerdings nicht nur das höchst behagliche Gefühl eines wohlgefüllten Magens, sondern auch den unangenehmen Zustand tiefer Verstimmung – ebenfalls bekannt als „ang’gfressen“ oder „anpapperlt“.
Zwischen den beiden urwienerischen Gemütszuständen „Gier“ und „Grant“ besteht also ein enger innerer Zusammenhang.
Dies zeigt sich schon bei den kulinarischen Umschreibungen für Zu- und Abneigung: Kann der Wiener etwas absolut nicht ausstehen, so knurrt er grimmig: „Na, do hob i scho g’fress’n!“ Damit will er ausdrücken, dass es ihm in dieser Angelegenheit von vornherein an jeglichem (auch geistigem) Appetit mangelt.
Ist ihm allerdings etwas besonders lieb, so hat er es „zum Fress’n gern“ – was mitunter leicht kannibalische Untertöne mitschwingen lässt…
SPEISKARTE:
- Vorspeis: Frisch gebrochene Vorsätze im Schleimbad
- Suppe: Beleidigte Leberknödeln im grindigen Grantscherben
- Hauptspeis: Lauwarme Wiener Wurschtigkeit im eigenen Saft
- Beilag: Brühwarmer Hinterfotz aus der Gerüchteküche
- Salat: Fade Fiesolen mit abgefeimten Miesmuscheleien
- Nachspeis: Lobhudelstrudel für picksüße Schmeichellecker
- Zum Drüberstreuen: Saure Neidhammelnierndln auf übler Nachred
Dazu gibt’s zum Runterspülen ein resches Achterl Gallensteiner
und als Tischmusik hören Sie trieftraurigen Bladn Blunzn Blues,
ungustiösen Kotzbrock’n Roll, degoutante Rülps Raps
und flaue Eierspeisduttl Dudler.

