Wo is'n da die Moral - Premierenkritik Steinhauer & Henning

Wo is'n da die Moral - Premierenkritik Steinhauer & Henning

Nullvier - Eine Rutschpartie

Politischer Jahresrückblick in stilvollem Ambiente


Wahnsinn normal - so der bezeichnende Titel der ersten Nummer von Steinhauer & Henning im Mozartsaal des Konzerthauses. Nach dieser Art Sprachgesang über das abgelaufene Jahr, in dem so gut wie alles Wichtige bereits "reinfaschiert" wurde, wollen die beiden das großteils schon reifere Publikum bereits wieder nach Hause schicken.

Dem Applaus folgend betreten sie aber doch wieder die Bühne und ziehen sogleich über Kollegen her, die für ihre Silvestervorstellungen lediglich Altes aufwärmen und teuer verkaufen. Dabei haben sie scheinbar vergessen, dass ein genialer Wortwechsel zweier Sozialdemokraten in Kärnten in der zweiten Hälfte 1:1 aus ihrem letzten Geniestreich "Freundschaft" entnommen wurde.

Es folgt ein Wechselspiel aus Doppelconférencen und Gesangseinlagen, die sie teilweise mit wilder Percussion untermalen. Das Programm ist durchwegs politisch ausgerichtet, Ausnahme ist der Dialog zweier Sandler über deren Leidgenossen, dem Notstandshilfeempfänger Ferdl Bordell. Herausragend sind ebenfalls das Gespräch zwischen Wolfgang Schüssel und Franz Morak am Untersberg, die über mögliche Entsorgungsmethoden unbequemer Mitbürger diskutieren, oder der musikalische Beitrag über den Märtyrer der Nation, den "Geisterminister" Herbert Haupt.

Auch nach der Pause zieht die kongeniale Paarung Steinhauer/Henning ihr Publikum weiter in ihren Bann und wie aus dem Ärmel geschüttelt jagt ein Gag den nächsten. Wobei gänzlich auf derben Wortwitz und sexuelle Untergriffe verzichtet wird.

Nicht nur die regierenden Parteien, sondern auch die Opposition wird dabei kräftig aufs Korn genommen. Und auch ein Blick über den Ozean Richtung USA lässt Parallelen zwischen der österreichischen und der amerikanischen Präsidentschaftswahl erkennen. Einziger Unterschied: Bei uns hat fad gewonnen und in den USA peinlich.

Die Zuschauer wollen auch nach dem eigentlichen Vorstellungsende die Künstler nicht von der Bühne lassen und vor allem Erwin Steinhauer läuft bei der Zugabe noch einmal zur Höchstform auf.

Was zeichnet diesen Abend aus? Obgleich des hohen Unterhaltungswertes lassen die beiden ihr Publikum in einer melancholischen Betroffenheit zurück, die trotz des Refrains der letzten Nummer "Okay, okay, es war nur Kabarett" nachdenklich stimmt. Prosit.


Noch zu sehen bis 31.12. im Wiener Konzerthaus

29. und 30.12. Beginn jeweils 19:30 Uhr, 31.12. 16:00, 19:00 und 22:30 Uhr (Pause über Mitternacht)

www.silvesterinwien.at

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