Verhältnismäßigkeiten

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Verhältnismäßigkeiten

Und schon wieder heißt es Abschied nehmen von einem liebgewordenen Stück Alltagskultur.

Mein allabendlicher Heimweg führt am Landesgericht vorbei, wo ich bis letzten Dienstag immer an einer Gruppe von fünf bis zehn Demonstranten vorbeiradelte, die „Eins, zwei, drei, lasst die Leute frei!“ skandierten, mit einer Ausdauer, die eines besseren Reimes würdig gewesen wäre. Es war keine Freundschaft im eigentlichen Sinn, aber jetzt, wo sie weg sind, fehlen sie mir richtig. Bloß weil irgendeine kleinliche Oberstaatsanwaltsschaft befunden hat, 110 Tage U-Haft seien dann doch ein bisschen unverhältnismäßig angesichts der zu erwartenden Strafen, zumal bis jetzt keine Anklage erhoben wurde und die Unterstaatsanwaltschaft einstweilen noch nicht sagen kann, wie lange die Ermittlungen noch brauchen werden, sie meldet sich aber ganz bestimmt, wenn sie soweit ist.

Dafür, dass mein Kontakt zu diesen Menschen nicht ganz abreißen wird, sorgen in dankenswerter Weise die Grünen. Die konnten schlüssig darlegen, dass jemand, der unter zumindest erstaunlichen Randbedingungen drei Monate in Untersuchungshaft sitzt, zwangsläufig genug Vertrauen verdient, um auf die Wahlliste zu kommen – ungeachtet einiger Ansichten des neuen Kandidaten zu Persönlichkeitsrechten von Tieren und der Verhältnismäßigkeit von Aktionen zur Verteidigung dieser Rechte, die vielleicht nicht jedeR grüne WählerIn vorbehaltlos unterschreiben wird können. Auch ist denkbar, dass ein Teil der wissenschaftsgläubigen ach-so-aufgeklärten Grünwählerschaft Bedenken gegen die Aufstellung von radikalen Tierversuchsgegnern hegen könnte.

Genau für diese Personen fühlen sich vielleicht jetzt zum politischen Gegner hingezogen, kämpft doch der zuständige Minister wie ein Löwe für das Ansehen des Forschungsstandortes Österreich. Johannes Hahn erntet gerade die süßen Früchte des UOG, das seine Vorgängerin gepflanzt hatte (wir erinnern uns: die Wissenschaftsministerin, die in Stresszeiten ihren Kraftstein durch das Büro trug, um dessen positive Energien freizusetzen,)  die lässt er sich von niemandem madig schreiben. In Innsbruck hat nämlich gerade der Universitätsrat der Medizinischen Universität den Rektor abmontiert, und zwar just zu dem Zeitpunkt, als dieser mit Einwänden gegen eine Studie in seinem Haus an die Öffentlichkeit ging, an deren Seriosität Kleingeister gewisse Mängel anmeldeten, nur weil die Patienten nicht aufgeklärt waren und die Ethik-Kommission nichts davon wusste. Diese Absetzung führte unter anderem zu einem vernichtenden Kommentar in der angesehenen Zeitschrift „Nature“ („Something is rotten in Austria“) – dem der Minister ohne zu Zögern ein markiges „Ich lasse mir den Forschungsstandort Österreich nicht kaputtreden!“ entgegenschmetterte.

Und die Studie lässt sich ja vielleicht noch retten. Z.B. mit Granderwasser? Dann wäre dieVerleihung des Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst an den Entdecker der Wasserbelebung durch die frühere Wissenschaftsministerin (wir erinnerns uns: die Ministerin…ach, nein, das hatte ich schon...)  ja im Nachhinein gerechtfertigt! Zwar gibt es inzwischen ein Urteil des Oberlandesgerichts Wien, in welchem die Grander-Technologie wörtlich als parawissenschaftlicher Unfug bezeichnet wird – aber das ist noch lange kein Grund, dem Erfinder die Auszeichnung abzuerkennen. Das ist nämlich erst einmal passiert, und zwar bei der Ent-Ehrung des NS-Arztes Heinrich Gross, und das wäre dem Minister Hahn unverhältnismäßig vorgekommen, wegen ein bisschen Scharlatanerie gleich zu so einer drastischen Maßnahme zu greifen. Und außerdem sind die Feng-Shui Anhänger mit dem bevorstehenden Weggang der Gesundheitsministerin sowieso schon verunsichert, wenn jetzt auch noch der Grander gedemütigt wird, dann fühlen die sich in der ÖVP ganz heimatlos und wer weiß, was die dann zusammenwählen! Am Ende den Balluch mit seinen linken Chaoten!

Mir könnte es recht sein, ich habe den Demonstranten jeden Abend freundlich zugenickt. Aber damit ist es jetzt einstweilen vorbei.

Ob sie mich wenigstens auch ein ganz kleines bisschen vermissen…?

  
Christoph Krall
 
P.S. Ich fahre jetzt eine Woche fort und habe nichts vorgekocht. Die nächste Krall-Kolumne daher erst am 19. September!
 

 

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