Treue

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Treue

Wenn die Banken und ganze Länder krachen gehen, bleibt uns nur noch, sich auf die wahren Werte zu konzentrieren. 

Treue halte ich zum Beispiel für einen unglaublichen Stabilitätsfaktor. Das ist nicht nur daran abzulesen, was so eine Scheidung an Kosten aufwirft.

Zu zweit leben ist einfach billiger, weil eine Wohnung weniger Geld verschlingt als zwei. Deswegen bin ich auch die Lebenspartnerschaft mit meinem Kanarie eingegangen.

Der Hansi weiß nämlich, dass er sich immer auf mich verlassen kann.

Selbst wenn wir auf Tournee sind und mich im Hotel der Hafer sticht, bleibe ich standhaft.

Noch nie habe ich mich nackt aus der Dusche kommend auf den Zimmerkellner gestürzt.

Obwohl dieser wahrscheinlich nicht einmal abgeneigt gewesen wäre.

Ja, ich bin mir meiner Erfahrung und weiblichen Reize bewusst.

Und ich weiß: Macht macht erotisch.
 
Aber Treue ist ein darüber hinaus gehender bestimmender Teil meines Daseins, ein Grundprinzip, das sich wie ein Schleimfaden durch alle Lebensphasen zieht.
 
Auch meinen Arzt würde ich nie hintergehen.

Nicht nur, dass ich die Tabletten tatsächlich nehme, die er mir verschreibt.
Ich stimme auch meine Urlaubszeit mit seiner ab.

Ja sogar das Reiseziel wähle ich vorausschauend.

Nicht mehr als einen Kilometer will ich von ihm entfernt sein.

Ob er sich am Attersee entspannt oder die Herausforderung am Kilimandscharo sucht.

Ich folge ihm mit der E-Card in der Hand.

Selbst auf meinem letzten Gang nehme ich auf seine Gefühle Rücksicht und in der Brusttasche meines letzten Hemdes wird dem Pathologen das vertraute Grün der Sozialversicherungskarte entgegenlachen.

Kunstfehlerprozess?

So eine Schande würde ich meinem medizinischen Partner auf der anderen Seite meines Körpers nie zuteil werden lassen.

Im Gegenteil: Ich würde meinen Anteil an der Schuld suchen.

Und wenn in meinem Körper eine Spachtel, ein paar Tupfer oder ein Piepser auftauchen, würde ich die Konsequenz ziehen und Selbstanzeige wegen Diebstahl erstatten. 

Und schließlich noch die Treue meinen Leserinnen und Lesern gegenüber:

Bis zuletzt werde ich für Sie schreiben. Selbst wenn Sie schon blind und dement sind, werden meine Texte Sie verfolgen, garantiert!

 
Immer
Ihre
Frau Amalie Kratochwill

 

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