Topfen flutet mein Gehirn
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Topfen flutet mein Gehirn
Topfen flutet mein Gehirn
Meine Freunde gehen zunehmend dazu über, mir zum Geburtstag Bücher zu leihen. Die Beziehung zwischen dem Spender und dem Empfänger eines Leihbuches ist im Grunde ein sadomasochistisches Verhältnis reinsten Wassers, weit stärker als die zwischen Autor und Leser. Wer ein Buch verleiht, erwartet, dass der Empfänger es bei der Rückgabe gelesen haben wird. Wer es annimmt, gibt sein Einverständnis. Lesen aber heißt: Satz für Satz fremde Gedanken nachzudenken. Und eine stärkere Form der Fremdbestimmung als die Übernahme meines Denkens kann ich mir schwer vorstellen. Natürlich könnte ich das Buch ungelesen zurückgeben, oder halbgelesen, aber das tut man dann doch nicht. Wenn ich eingeladen bin, esse ich ja auch brav zusammen, obwohl ich keine Gorgonzola-Sauce mag. Zwar könnte ich den Gastgebern auch erklären, dass es am Käse liegt und nicht persönlich gemeint ist, aber ein schaler Nachgeschmack bliebe doch zurück. Da schon lieber Gorgonzola.
Dem Autor gegenüber fühle ich mich weniger persönlich verbunden. Ich kann sein Buch weglegen (oder seine Kolumne wegklicken), ohne dass er's überhaupt merkt. Und selbst wenn, kann er sich im Buch-Fall damit trösten, dass ich sein Buch wenigstens gekauft habe (denn ein geliehenes Buch wird aus den oben angeführten Gründen seltener weggelegt.) Zwischen Autor und Buch besteht übrigens ein ausgeprägter Interessenskonflikt. Das Buch will gelesen und besprochen werden und hat daher auch ein Interesse, möglichst oft verliehen oder kopiert zu werden.
Der Autor will sein Buch verkaufen und reich werden und danach sein Geld auf Luxusyachten mit schlechten Frauen verprassen. Daher wird er klugerweise sein Buch mit pornographischen Passagen und moralisch fragwürdigen Konklusionen durchsetzen, um die Aufstellung des Werkes in öffentlichen Bibliotheken und den leihweisen Austausch unter wohlanständigen Menschen verhindern sollen. Wir haben alle Bücher gelesen, die im Literarischen Quartett eher nicht besprochen werden und deren Autoren uns daher partout nicht einfallen wollen. Ich glaube, die meisten dieser Autoren können mit ihrem Schicksal ganz gut leben.
Das Buch hingegen will in der Pfarrbibliothek stehen, und in der Schulbibliothek, und im Deutschunterricht behandelt werden usw. usw. Daher wird es den Autor von seinen verwerflichen Plänen abzubringen versuchen. Bücher können ihre Autoren auf die perfideste Art manipulieren, schreiben Sie mal eins! Sie werden feststellen, dass die Personen im zweiten Kapitel ihr Eigenleben entwickeln und ab dem vierten Kapitel die Handlung übernehmen. Und wenn die vorgesehenen wüsten Orgien entfallen, weil der Held sich dem Einfluss falscher Freunde entzieht und ein Heim für rumänische Straßenkinder gründet, mag der Autor toben - das Buch hat damit seine Chancen auf unbezahlten Abdruck in den Schulbüchern künftiger Generationen drastisch gesteigert. Dort wird es dann von tausenden noch formbaren Schülern gelesen, die sich dazu zu ähnlichen Geschichten inspirieren lassen und so fort. Und das sind dann die Bücher, die man zum Geburtstag geliehen bekommen.
Es gibt natürlich auch aus dem oben angesprochenen sadomasochistischen Verhältnis einen Ausweg: man gibt das Buch einfach nicht zurück. Aber nobel ist das nicht.
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