Spieltriebtäter
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Spieltriebtäter
"Chicken game" nennt sich ein harmloser Zeitvertreib, bei dem amerikanische Jugendliche ihre soziale Kompetenz trainieren. Bei diesem Spiel rasen zwei Kontrahenten in hochfrisierten Sportwagen aufeinander zu, und wer als erster ausweicht, hat verloren und ist fortan ein Waschlappen. Der andere ist der Held und wird von begeisterten Zuschauern bejubelt und die schönsten Frauen halten um seine Hand an - es gibt also durchaus einen Anreiz, auf Kurs zu bleiben. Das Problem bei dem Spiel ist: wenn das beide tun, kracht's, und dann haben beide verloren, und zwar alles - Leben, Auto, Führerschein, und die schönen Frauen suchen sich einen schmächtigen Brillenträger. (Tun sie natürlich nicht. Aber träumen wird man ja doch noch dürfen.) Jedenfalls, einmal in diesem Spiel gefangen, hängt der eigene Erfolg nicht nur von der Einschätzung des Gegners ab, sondern auch davon, wie man die Einschätzung des eigenen Verhaltens durch den Gegner einschätzt. Die ist auch der Punkt, in dem man ihn am ehesten beeinflussen kann.
Eine nur auf den ersten Blick paradoxe Strategie ist es daher, sich vor dem Duell zu betrinken. Dann sieht der Gegner, dass man - selbst wenn man wollte - gar nicht mehr rechtzeitig ausweichen könnte, also wird er es zähneknirschend selber tun. Wem das Besaufen zu vulgär ist, der kann auch einfach das Lenkrad abmontieren und aus dem Fenster werfen. In einem manövrierunfähigen Auto fährt selbst der größte Waschlappen stets gradeaus (alte buddhistische Weisheit).
Oder man bringt eine Bombe am eigenen Auto an, die beim Abbiegen explodiert. Auch hier wird der Gegner davon ausgehen, dass man auf Kurs bleibt und ausweichen.
Die vernünftigste Strategie ist es natürlich, an einem derartigen Spiel erst gar nicht teilzunehmen. Allein, man kann sich's nicht immer aussuchen, und so können sich unversehens der Gemütlichste der Genossen und der Besonnenste der Dreitagebartträger auf Koalisionskurs wiederfinden. Es könnte jeder "Neuwahlen" rufen, um dem Schrecken ein Ende zu bereiten - aber dann zählt er als Spielverderber und der andere ist der Held, und die begeisterte Öffentlichkeit jubelt ihm zu, und der Wähler wird ihm sein Vertrauen schenken. Und so verfolgen die beiden Parteien unterschiedliche Strategien, um den Gegner von der eigenen Manövrierunfähigkeit zu überzeugen, damit der das hässliche "N"-Wort ausspricht: die Kanzlerpartei tut alles, um ihre Anhänger nachhaltig zu verärgern. Glaubwürdig, dass sie den Zorn der letzten Getreuen nicht durch eine mutwillig vom Zaun gebrochene Neuwahl erregen will - da wäre sie weg. Wenn allerdings der Partner von sich aus die Zusammenarbeit aufkündigt, schaut die Sache vielleicht anders aus. Diesem wiederum nimmt man gerne ab, dass er zu einer Kursänderung gar nicht im Stande wäre, selbst wenn er wollte. Insgesamt eine Konstellation, in der auch versierte Spieltheoretiker keinen Trost mehr wissen.
Vielleicht ist aber die Beschreibung der Ausgangssituation zu stark dramatisiert. Vielleicht schaut die Österreichische Variante des "Chicken games" ja so aus, dass die Kontrahenten sich Stoßstange an Stoßstange in zwei verrosteten VW-Käfern gegenübersitzen, von Zeit zu Zeit im Leerlauf durchstarten und die übrige Zeit Zettel mit Schmähungen ins Fenster halten.
Das würde vielleicht auch erklären, warum die Stimmung unter den Zuschauern als "begeisterter Jubel" ebenfalls nur sehr ungenau beschrieben wäre.
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