Schaben und Spiele
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Schaben und Spiele
Zum Älterwerden gehört die Einsicht, dass die anderen alle einen Hau haben.
Diese Erkenntnis ist auf den ersten Blick tröstlich, man hat nicht mehr das Gefühl, der einzige zu sein. Bei näherer Betrachtung ist das aber ein ziemlich kraftloser Trost – immerhin haben die anderen ihren Hau so gut in die Gesamtpersönlichkeit integriert, dass man selber oft Jahrzehnte braucht, um ihn bei ihnen zu registrieren. Andere wiederum setzen den ihren gezielt in der Karriereplanung ein, und für manch eine Spitzenposition in Politik und Wirtschaft gehört ein gewaltiger Huscher ganz offensichtlich zum Anforderungsprofil. Nicht zulässig ist allerdings der Umkehrschluss: nicht jede Persönlichkeitsstörung führt automatisch in Spitzenpositionen in Politik und Wirtschaft. Manch einer findet sich stattdessen unvermittelt vor einem Teller Kakerlaken, deren Verzehr von einem Millionenpublikum vor den Fernsehapparaten mit leuchtenden Augen verfolgt.
An Sendungen wie dem Dschungel-Camp kann man übrigens schön den Fortschritt der Zivilisation verfolgen. Vergleichbare Vergnügungen erfreuten sich vermutlich schon immer großer Beliebtheit, Besuche im Irrenhaus zur Belustigung gehörten bis weit in die Neuezeit zum Unterhaltunsprogramm aller Stände. Geniert hat sich damals niemand, die armen Irren dabei zu begaffen, wie sie ihre Tollheiten ausleben und unreine Dinge verschlingen.
In dieser Hinsicht sind wir doch ein gutes Stück weiter: wer das Dschungelcamp anschaut, tut das diskret daheim und vermeidet das Thema in der Konversation. (Bevor sie jetzt auf falsche Gedanken kommen: ICH würde mir sowas NIE anschauen! Meine Information beziehe ich vollständig aus der Berichterstattung in den Medien. Allenfalls könnten Sie jetzt einwenden, dass ich nicht seriös recherchiere und dass die Camper und Camperinnen sich in Wirklichkeit die Zeit mit spitzfindigen Diskussionen über das Wesen der Zivilisation, über den strukturellen Faschismus in den Spielregeln und über den Einfluss von Kontrollinstanzen auf die Gruppendynamik vertreiben. Die Wahrscheinlichkeit dafür halte ich aber für ziemlich gering.)
Dessen ungeachtet aber krankt die Sendung, wie auch alle vergleichbaren Formate, an einer höchst bedauerlichen Einschränkung: die Zuschauer können unsympathische Kandidaten aus dem Camp hinauswählen. Das kommt mir doch ein wenig paradox vor, denn auf diese Weise bleiben den Geschassten zur Belohnung für ihr Unsympathischsein weitere Ekel-Orgien erspart.
Viel lustiger fände ich es, wenn ich dort Menschen hineinwählen könnte.
Und spätestens seit der ersten Pressekonferenz unserer neuen Innenministerin hätte ich auch schon eine heiße Kandidation für die ersten Runde.
Christoph Krall
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