Premierenkritik: Jörg Willnauer - Streng fui

Willnauer

Künstler

Premierenkritik: Jörg Willnauer - Streng fui

Jörg Martin Willnauer, den Pastorensohn aus Heidelberg, hat ein Musikstudium in Graz schon vor Jahrzehnten nach Österreich verschlagen. Seither ist er stets rührig, hatte eben in Wien Premiere mit seinem zehnten Soloprogramm und arbeitet bereits am elften, das er schon im September im Grazer Theatercafé präsentieren wird. Willnauer hat sich dem klassischen Nummernkabarett verschrieben, in gewisser Weise steht er in der Tradition der Klavier-Humoristen. Da liegt auch seine Stärke. Das Klavier - auch wenn es in der Wiener Kulisse nur ein E-Piano war - beherrscht er ausgezeichnet, man spürt die fundierte Ausbildung.

Die Lieder und die transportierten Inhalte kommen leichtfüßig daher, auch wenn sie von den Krisen dieses Planeten Erde handeln und davon erzählen, dass durch den Klimawandel bald finnischer, statt griechischer Wein zu trinken sein wird und man bald Datteln in Schottland ernten wird. Und das zu den Klängen von Udo Jürgens' Gassenhauer.

Jörg Martin Willnauer dreht Herbert Grönemeyer das Wort im Mund um, wenn er seinen durchaus bösartigen Anti-Kindersong zum Besten gibt. Denkt man die Fassung des Kabarettisten zu Ende, dann will man lieber gar keine Kinder mehr auf dieser Welt wissen.

Dem stets zu kurz gekommenen Tischler aus Nazareth, der für die Josefslegende verantwortlich ist, hat er sein ganz persönliches "Ave Josef" gewidmet und eine Marktlücke hat der Kabarettist auch aufgetan. Um das Firmenzugehörigkeitsgefühl der Mitarbeiter zu verstärken, schreibt er für Bestattungsunternehmen, Konzerne, Gleichbehandlungs-kommissionen oder auch die Staatspolizei die jeweils passende Firmenhymne und bei Bedarf auch Protestsongs.

Nach einer musikalischen Reflexion im pfälzischen Dialekt über das unausweichliche Älterwerden, immerhin ist Willnauer im Vorjahr fünfzig geworden, folgt als Zugabe eine Hommage an die eigene Kahlköpfigkeit, die den Kabarettisten allerdings schon seit Jahren auszeichnet. Jedenfalls: "Irgendwann waren's amoi furt", die Haare, so wie einstens STS in Griechenland bleiben wollten.

Wortspiele haben es Jörg Martin Willnauer immer schon angetan und Stilblüten, die er überall im Land auf Ortstafeln, Reklameschildern und Plakaten aufspürt, fotografisch verewigt und dann auf Bildtafeln dem Publikum vor führt. Da bekommt man zum Beispiel ein Schild mit der Aufschrift "Zufahrt zum Standesamt auch über die Sackgasse" zu lesen. Nur die Grazer erkennen den versteckten Sinn der Botschaft. Außerdem hat er den Katalog der "Heiligen Dinge" erstellt, der bei St. Eiermark beginnt und in dem der St. Ammtisch ebenso zu finden ist wie der St. Umpfsinn. Diese Liste ist beliebig auszuweiten und die Zuschauer sind dazu durchaus willens.

Bunt gemischt ist das Angebot an Kalauern, kabarettistischen Firmenhymnen und sozialkritischen Anmerkungen zur Vollbeschäftigung und zum sozialen Bewusstsein unserer Gesellschaft. Jörg Martin Willnauer stinkt so manches in Lande, besonders aber Doppelmoral, soziale Härte und der Hang zur Esoterik. Die Astrologiegläubigkeit führt er ad absurdum und der Hintersinn von Phrasen wie "Grüß Gott" wird genau geprüft. Schließlich gelingt Jörg Martin Willnauer ein berührender Monolog eines eigentlich schon Verstorbenen. Für den Alten war keine Platz mehr im eigenen Haus und er wurde in die Seniorenklappe abgeschoben - eine traurige Vision, die angesichts der laufenden Pflegedebatte gar nicht mehr so fern scheint.

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