Premierenkritik: Irmgard Knef – „Himmlisch“
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Premierenkritik: Irmgard Knef – „Himmlisch“
Jenseits von Eden
Über die Sorgfalt und ehrfurchtgebietende Perfektion, mit der sich der in Berlin wohnhafte Ulrich Michael Heissig die Figur der verkannten, unbekannten Schwester von Hildegard Knef für seine Kabarett-Soli zu Eigen gemacht, ist schon alles gesagt und geschrieben worden. Hochachtung! Er schlüpft in die Rolle, wie in ein zweites Ich. Eine durch und durch beseelte Verkörperung.
Nach dem Boom des ersten Irmgard-Knef-Programms vor rund 10 Jahren wurde vielerorts die Frage gestellt, wie es denn nun nach dieser einmaligen Kleinkunststück-Idee mit dem Schauspieler, Texter und Kabarettisten Uli Heissig wohl weiter gehen würde. Diese Frage ist längst vom Tisch. Denn Heissig hat seiner Schöpfung so viele Facetten verliehen, dass das vorgebliche Verwandtschaftsverhältnis zu Hildegard Knef vom unverzichtbaren Standbein zu einem nur noch gelegentlich spielerisch geschwungenen Spazierstock geworden ist.
Irmgard Knef ist inzwischen eine ganz und gar eigenständige Gestalt. Mit Schrammen und Schrullen. Vergleichbar etwa mit Christian Hölblings „Helfried“. Ein Charakter, der ohne große Vorreden und Erklärungen eine ganze Szenerie mit auf die Bühne bringt. 80 Jahre Geschichte sind zum Greifen nah, kaum dass die Zirkus-Stute Irmgard Knef mit stolzer Wackeligkeit die Bühne betritt und mit leicht schnalzenden Dritten in der Berliner Schnauze ins Mikrofon nuschelt.
Irmgard Knef ermöglicht es Heissig, ansatzlos unübliche Themen anzuschneiden und sie aus eigentümlicher Perspektive zu durchleuchten. Die Folge ist eine unmittelbare Originalität. Zur Einführung einer derartig komplexen Kunstfigur bedarf es andernorts mehrerer Akte. Heissig kann es sich erlauben, mitten ins Geschehen zu springen. Und dort auf gewohnt geistreiche und ironische Weise witzig zu sein. In „Himmlisch“ nimmt er ihr Publikum mit auf eine Sightseeing-Tour ins Paradies – um herauszufinden, wo Gott wohnt. Schließlich gilt es, sich rechtzeitig über die Jenseits-Angebote der verschiedenen Glaubensgemeinschaften zu informieren. Bevor sie sich also in eine Altersresidenz für VIPs – „Verwirrte inkontinente Patienten“ – zurückziehen muss, stellt Irmchen die Gretchenfrage: „Kurz vor den Ferien will man ja auch wissen, wohin die große Reise geht.“
Das Paradies entpuppt sich in Irmgards Vision als Rummelplatz der Religionen – mit hinduistischem Schicksals-Riesenrad und buddhistischem Reinkarnationskarussell. Und im christlichen Garten Eden gibt es sogar eine himmlische Kabarettbühne – unter der Leitung der etwas absonderlichen Familie Gottes: „Zum schwarzen Loch“. Vor dem Eingang zum islamischen Paradies ist längst nicht so viel los: „Nur ein paar Versprengte.“
Auch das buddhistische Nirvana ist der Knef zu langweilig. Das sei schlicht das Nichts: „Lohnt sich genau so wenig, wie das Nachtleben von Klosterneuburg“. Nur eine von vielen fröhlich akklamierten Österreich-Bezügen, die Heissig beiläufig ins Programm einfließen lässt.
Der Kontrast zur generellen Humorlosigkeit der Religionen lässt die Pointen und kuriosen Details in Heissigs Reisebericht besonders wirksam schillern. Und er spart auch nicht mit Kritik. Vor allem am vielfältig verklemmten Katholizismus: „Bei jeder Messe an die Wandlung glauben – aber in der Kirche nichts verändern wollen!“
Und während dieses religiösen Rundumschlags vergreift sich Irmgard Knef in gewohnter Qualität, kunstsinnig und swingend an Cole Porter, Burt Baccharach, Hugo Wiener und anderen Klassikern: „Brecht möge mir verzeihen, weil... ja, Weill auch.“
Bleibt eigentlich nur zu hoffen, dass „Himmlisch“ nicht wirklich der letzte Teil der Tetralogie „Der Ring des Nie-Gelungen“ bleibt. Irmgard Knef hat noch viel zu sagen. Wer hätte das vor 10 Jahren gedacht?
Peter Blau
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