Premierenkritik: Ciro de Luca - Alter ego

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Premierenkritik: Ciro de Luca - Alter ego

stand-up-and-leave-comedy

Premierengästen, die am Montag ohne große Erwartungen ins Orpheum gekommen waren,
ging es zur Pause noch am besten. Wer indes hoffnungsvoll oder gar vorfreudig
zur Premiere von Ciro de Lucas neuem Soloprogramm "Alter ego" angereist war,
konnte seine Enttäuschung kaum verbergen. Bei manchen schlug die Stimmung in
Anbetracht des bis dahin Gebotenen gar in blanken Zorn um. Einige Foyer-Zitate
gefällig: Er kann keine Pointe bringen! Er kann nicht g'scheit parodieren! Er hat nichts zu sagen! Und all das macht er mit einer derartig widerlichen Arroganz, dass man fast handgreiflich werden möchte!


So weit eine kleine Meinungsumfrage um 21:15 Uhr. Nur die Wohlwollendsten attestierten
ihm immerhin vergebliches Bemühen, ungeschickte Dramaturgie oder Scheitern an
der eigenen Nervosität. Aber jetzt mal ganz im Ernst: Premieren-Nervosität
hin oder her - wer den Umstand, dass er zu Beginn eines Satzes offenbar noch
nicht weiß, worauf dieser am Ende hinauslaufen soll, ständig mit ziel- und pausenlosem
Gefasel zu kaschieren versucht, darf sich nicht wundern, dass die Bereitschaft,
seinem Vortrag mit Aufmerksamkeit zu folgen, recht bald spürbar abnimmt. Da
hilft ihm dann auch kein noch so altbekannter Fredi-Dorfer-Erzähl-Tonfall oder
künstlich angelernte Comedy-Posen.


Kurz noch zum Inhalt, wenn dieser Begriff im zu verhandelnden Fall überhaupt
gestattet ist: Das Thema "alter ego" dient de Luca entgegen nahe liegenden
Vermutungen nicht etwa dazu, sein Repertoire an TV-Comedy-Figuren aufmarschieren
zu lassen, sondern als roter Faden durch ein stand-up-Potpurri.
Wobei "roter Faden" und "stand-up-Potpurri" dem einfallslosen Elend nicht wirklich
gerecht werden. Der Begriff "alter ego" ist nämlich in Wahrheit nicht viel mehr,
als ein immer wiederkehrendes Fremdwort in einer an halblustiger Beliebigkeit
kaum zu überbietenden trüben Brühe, in der sich etliche zugkräftige Promis tummeln: von Armin Assinger und Sepp Forcher über Gorbach und Grasser bis zu Reich-Ranicky
und Gerda Rogers. Alles Gestalten, die schon bessere und pointiertere Parodien
erlebt haben. Vereinzelte brauchbare Gags strampeln da fast schon vergeblich
um ihr Überleben.

Nun aber zu der Tragödie zweiter Teil. Für diese verwandelt sich Ciro de Luca
in Frank Stronach. Unter dem Motto "Reich sein ist nicht alles, man muss auch
Geld haben" lässt er den austro-kanadischen Parade-Kapitalisten Lebens-Erinnerungen
und -Weisheiten von sich geben - und liefert damit die mit Abstand gelungenste
Parodie des Abends: Stronach verheddert sich in Redewendungen, stolpert über
seine kunstvollen Metaphern und entlarvt dabei Stück für Stück im überzeugenden
Original-Ton seine krude Weltanschauung.


Dass ihm diese Figur liegt, dürfte auch de Luca erkannt haben. Daher lässt er
sie - mit Ausnahme einiger betont blonder Zwischentexte - auch gleich die gesamte
zweite Hälfte bestreiten. Ein schwerer Fehler. Denn aus der Eintönigkeit wird
schon bald Überdruss. Dabei hätte sich doch gerade Frank Stronach - von mir
aus als Österreichs "alter ego" - in viele kleine Häppchen zerteilt durchaus
als running gag durch das ganze Programm angeboten. So aber endet denn das De-Luca-Jubiläumsprogramm
(10 Jahre Solokabarett) mit einem sehr gelangweilten Nachgeschmack. Und der
Erkenntnis, dass de Luca am erträglichsten ist, wenn er sich abseits klassischer
stand-up-comedy ganz der Zur-Schau-Stellung einer Figur widmet.

Schon interessant: Beim Skifahren lässt sich Österreichs Vormachtstellung ja
noch mit topographischen Gegebenheiten erklären. Weniger schon, warum es den
landschaftlich nicht wirklich benachteiligten Schweizern seit Jahrzehnten nicht
gelingen will, seinen alpinen Nachbarn auch nur annähernd Paroli zu bieten.
Vom stellenweise auch durchaus ausreichend gebirgigen Deutschland ganz zu schweigen.
Umgekehrt ist es ähnlich unerklärlich, warum sich im Land, wo Kabarett und Kleinkunst
blühen, einfach keine stand-up-comedy kultivieren lassen will. Beim deutschen
Nachbarn wuchert das Genre ganze Fernsehsender und Kleinkunstbühnenspielpläne
zu - und bei uns verdorren alle Versuche, kaum dass sie das Scheinwerferlicht
der Welt erblickt haben. Comedy ist offenbar keine typisch österreichische Disziplin.
Bis zum - gar nicht einmal so heiß ersehnten - Beweis des Gegenteils.

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