Ordentliche Besäufnispolitik

Künstler

Ordentliche Besäufnispolitik

Ordentliche Besäufnispolitik

Es gibt Laster, die gibt man gerne zu. Unordentlichkeit, zum Beispiel, denn natürlich transportiert die Beschreibung des überquellenden Schreibtisches in Wirklichkeit das Bild eines genialen Chaoten. Auch Trinkfreudigkeit wird als Beweis für lässige Männlichkeit gerne eingestanden, ebenso wie Schweißfüße. Schöngeister hingegen beklagen, dass sie an keiner Buchhandlung vorbeigehen können, ohne usw. usw.


Andere Schwächen eignen sich weniger gut zum Sympathieschinden. Dazu gehören - trotz anderslautender Medienmeldungen - Geiz sowie Gier, Neid und Mundgeruch. Oder Tratschsucht. Die kann einem sogar vor einem selber peinlich sein. Der Autor dieser Zeilen gehört zu den Betroffenen.
Trost kommt von unerwarteter Seite: von der Evolutionären Spieltheorie. Die zeigt nämlich, dass der Tratsch eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung von Zusammenarbeit und damit von jeder Zivilisation ist. Grob gesprochen würde sich kein Mensch je großzügig oder auch nur anständig verhalten, würde sich danach nicht via Tratsch die Nachricht von seinen Großtaten verbreiten. Tratsch hat also eine wichtige kulturelle Funktion. Der Haken an der Sache: eigentlich finde ich Lob-Tratsch fad. Die Analyse von Missgeschicken und Fehltritten meiner Mitmenschen bereitet mir ungleich größeres Vergnügen, und, horribile dictu, selbst vor ihrem Geschlechtsleben würde meine Taktlosigkeit nicht zurückschrecken.


Glücklicherweise hat mich der Liebe Gott mit lauter diskreten Menschen umgeben, so dass ich mit meinem Laster in der näheren Umgebung weder großen Schaden anrichten noch allzu Ungehöriges in Erfahrung bringen kann. Und da tratschen nur lustig ist, wenn man die Besprochenen kennt, kämen nur noch Personen des öffentlichen Lebens in Frage. Diese aber werden von den Medien hierzulande mit großer Zurückhaltung behandelt. Wirklich Pikantes aus der Privatsphäre von Politikern und Kirchenfürsten findet selten den Weg in die Nachrichten. Zwar breiten einige Spitzen der Gesellschaft von sich aus gerne ihr Privatleben aus, aber das zählt nicht. Voyeurismus ist nur lustig, wenn der Andere kein Exhibitionist ist.


Und auch das nicht immer. Ein reicher alter Mann, der betrunkene junge Menschen ausgreift, ist einfach kein schöner Anblick. Das Bad in der Menge gesteht man einem volksnahen Politiker gerne zu. Dass er dabei feucht wird, nicht.


Und wenn es sich bei den betrunkenen jungen Menschen um betrunkene junge Männer handelt, dann kann ich meine Schadenfreude nur schwer in politisch korrekte Bahnen lenken. Keinesfalls darf sie sich nämlich aus der Gleichgeschlechtlichkeit der Umarmung speisen, vielmehr soll sie sich auf den dezidiert uncoolen Umgang des Umarmers mit seinem Gleichgeschlecht beziehen, und auch das nur in Hinblick auf seinen uncoolen Umgang mit anderen Minderheiten, denen er zufällig nicht gerade angehört.


Das ist emotional ziemlich anstrengend.

Glücklicherweise haben wir Tratschsüchtigen für solche Fälle eine Exit-Strategie: Mitleid. Passt immer und ist noch dazu bequem. Schade, dass es nicht als Laster zählt, zu gerne würde ich damit angeben!

Um den Kabarett.at Newsletter zu erhalten, müssen Sie als User registriert sein. Klicken Sie hier, um sich einzuloggen.