Narrenspiegel
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Narrenspiegel
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Die Aufgaben des Hofnarren waren vielfältig. In der Praxis aber war wohl das entscheidende Kriterium für seinen Erfolg die Belustigung, die er seinem Fürsten verschaffte. Diese durfte gerne auf Kosten Dritter gehen, und die Verhöhnung durch den Narren war ein beliebtes Instrument, um unerwünschten Verwandten, Diplomaten oder Höflingen ihre Unerwünschtheit zu signalisieren und den Rückzug vom Hof zu erleichtern. Die Ungeheuerlichkeit der Verunglimpfung Ranghöherer durch einen Rangniedrigeren, eigentlich eine klare Störung der göttlichen Ordnung, wurde durch die gespielte Unzurechnungsfähigkeit des Narren entschärft. Diese erlaubte ihm denn auch, am Fürsten selber Kritik zu üben, häufig als einziger am Hof. Allerdings mit Maß und Ziel. Der Grat zwischen Schalheit und überzogener Dreistigkeit war ein schmaler, noch bei Shakespeare wird dem Narren für allzu vorwitzige Bemerkungen der Stock angedroht, und die Personen in Shakespeare-Dramen neigen nicht zu leeren Drohungen. Letztlich war die Funktion des Narren systemerhaltend, denn der Herrscher konnte demonstrieren, wie kritikfähig er war. Natürlich dachte er gar nicht daran, seine Entscheidungen durch die Kritik eines Narren in Frage stellen zu lassen, vielmehr konnte er im Gegenteil getrost alle Kritiker für genauso unzurechnungsfähig erklären wie diesen. Auch bereitete es dem Fürsten zweifelsohne großes Vergnügen, die Unsinnigkeiten, Rechtswidrigkeiten und möglichen katastrophalen Konsequenzen seiner Entscheidungen in allen Einzelheiten dargelegt zu bekommen - und dann trotzdem dabei zu bleiben, eben weil er der Fürst war.
Heute sind die Hofnarren aus der Mode gekommen, zumindest hierzulande. Dafür haben wir jetzt die Verfassungs-Rechtler, die erfüllen dieselben Funktionen und genießen ein ähnliches Ansehen wie ihre mittelalterlichen Vorgänger, während die Herrschenden wesentlich an Souveränität im Umgang mit solchen Possenreißern eingebüßt haben. Das kommt davon, wenn man rote Schmuddelkinder in die Regierung lässt - sie beginnen, sich vor dem Personal zu rechtfertigen. Eine Justizministerin, die ihre Zustimmung zu einer von Verfassungsrechtlern heftig kritisierten Gesetzesänderung im Flüchtlingsrecht damit verteidigt, dass sie den Entwurf gar nicht gelesen hat, ist eine Schande für eine selbstbewusste und leistungsfähige Regierung! Die Frau hat einfach nicht verstanden, wie man mit solchen Menschen umgeht! Zu recht findet sie sich also jetzt im Mittelpunkt des Spottes eben jenes Innenministers, dessen Wünschen sie so eilfertig nachgekommen ist (wenigstens etwas!).
Wie man mit solchen Menschen umgeht, das hat er ihr dann großmütig noch gleich selber vorgeführt: in wenigen Worten legte er dar, dass Asylbewerber, deren Antrag abgelehnt wird, durch den Wegfall des Rechtes, beim Verwaltungsgerichtshof zu berufen, höhere Rechtssicherheit genießen als jetzt, wo sie dieses Recht haben. Es ist nämlich so: wenn man eine Möglichkeit zuerst hat und dann nicht mehr hat, dann hat man durch den Wegfall der Möglichkeit Sicherheit gewonnen.
So geht das.
Wissenschaftssprecherin Gertrude Brinek hat übrigens angeregt, dass Österreich sich nach etlichen wenig erfreulichen Ergebnissen der PISA-Studie an dieser nicht mehr beteiligt. Das ist schade, denn gerade in puncto Logik könnte Österreich der Welt noch viel beibringen!
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