Lichte Zeiten

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Lichte Zeiten

Ein weitverbreitetes Klischee sieht das Mittelalter als das „düstere Mittelalter“. „Profil“, nie um eine topaktuelle Story verlegen, widmete dem Thema jüngst einen Artikel („Alltagsgeschichten“), mit dem erklärten Ziel, darzulegen, dass „das düstere Mittelalter bei weitem nicht so düster war, wie es gerne dargestellt wird.“ Die Beweise, die der hervorragend recherchierte Artikel zur Widerlegung des Vorurteils anführt, sind überwältigend.

So findet sich zu „Alkohol“ der Vermerk, dass die meisten Männer mit 2-3 Litern täglich Spiegeltrinker waren, aber auch Frauen bereits am Vormittag Wein tranken, galt dies doch als gesund – zumindest gesünder als Wasser. Zwar wäre ein Hinweis darauf, dass diese Einschätzung angesichts der damaligen Wasserqualität ganz realistisch war, keine Platzverschwendung gewesen, trotzdem hellt die Vorstellung einer durchgehend illuminierten Gesellschaft das ganze Bild gleich merkbar auf.
Auch zur Ernährung liest man überraschendes – an den Fasttagen gab’s Fisch, Hühner wurden das ganze Jahr über verzehrt (von wem, wird leider nicht dazugesagt), Hauptproblem war nur die Konservierung des Fleischs, aber auch da wusste man sich zu helfen – „kräftige Würzung vertrieb den üblen Geruch“. Nur die Zahnbürste war leider unbekannt, „Mundgeruch daher weitverbreitet“ – insbesondere im Zusammenklang mit der späteren Schilderung von Festen, bei denen sich Männer gerne umarmten und herzhaft auf den Mund küssten, ein ansprechendes Gesamtbild.

Weiters waren Frauen Gebärmaschinen (Minimum 6-10 Kinder), und nur die 30 prozentige Kindersterblichkeit verhinderte eine Bevölkerungsexplosion. Dieben wurde die Hand abgehackt, Ehebrecher wurden nackt durch die Straßen getrieben, Folter war die gängige Untersuchungsmethode – wer Glück hatte, kam mit der Kaltwasserprobe davon: gefesselt in den Teich geworfen galt als unschuldig, wer unterging. Fehler bei der Bergung konnten trotzdem den Tod bedeuten, aber immer noch besser als der Scheiterhaufen, auf dem übrigens weit mehr Heilkundige als Anhänger der Schwarzen Magie starben.

In der Tat, der Artikel fährt einiges an Argumenten auf, um seine These vom „gar nicht so düsteren Mittelalter“ zu belegen. Ganz klar bin ich mir trotzdem nicht über seine Grundstruktur.

Möglicherweise orientiert er sich an den Beweisverfahren der Scholastik und versucht, den Beweis durch die damals gebräuchliche „reductio ad adsurdum“ zu führen. Bei diesem Verfahren wird eine Behauptung bewiesen, in dem man ihr Gegenteil annimmt und zeigt, dass dieses zu unhaltbaren Konsequenzen führt.

Sollten die Autoren tatsächlich diese Methode im Auge gehabt haben, dann ist ihnen allerdings ein klitzekleiner Irrtum unterlaufen: stellt sich nämlich im Zuge des Verfahrens heraus, dass das Gegenteil der ursprünglichen Behauptung beweisbar ist, so zählt das als als Widerlegung derselben – und nicht als Beweis.
 

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