Intelligenzbestien

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Intelligenzbestien

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”Schleimpilz” ist kein schönes Wort, und manch ein sensibler
Vertreter dieser Gruppe mag an seinem Namen zugrunde gegangen sein. Ein ähnlich
trauriges Los teilen die Brechnüsse, die Blasenspieren, die Spritzwürmer,
die Schmutzgeier, die Trottel-Lummen und Basstölpel und eine Reihe anderer
Lebewesen mit ähnlich unschmeichelhaften Namen. Dabei wird der unvoreingenommene
Betrachter auch in diesen Geschöpfe viel Schönes und Liebenswertes
entdecken. (Unter www.plant.uga.edu finden
Sie eine Galerie von Schleimpilzportraits, die einen Klick durchaus lohnt!)
Ihren Kultstatus bei den Biologen verdanken die Schleimpilze jedoch ihrem Lebenszyklus,
der ihnen den Beinamen ”Soziale Amöben” eingetragen hat. Wenn
sie sich wohl fühlen - und dazu braucht ein Schleimpilz nur eine feuchte,
angenehm temperierte Unterlage voll nahrhafter Bakterien - dann gibt es ihn
nämlich eigentlich gar nicht. Besser gesagt: seine Zellen gibt es schon,
aber nur als Einzelzellen, die wie Amöben durch die Gegend krabbeln, sich
von Zeit zu Zeit teilen und ansonsten der Futtersuche widmen. Erst bei drohender
Austrocknung rücken sie zusammen - und zwar buchstäblich: sie sammeln
sich auf einem Haufen, dann bilden sie einen Mini-Champignon und die Amöben,
die den Stiel bilden, sterben. Andere aber haben Glück und landen im Inneren
des Fruchtkörpers, dort können sie, vor Austrocknung geschützt,
auf besser Zeiten warten, um gegebenenfalls wieder auszuschwärmen.


Bei manchen Arten bilden die einzelligen Amöben auch einen losen Verband,
der, von einer Schleimschicht eingehüllt, einigermaßen geordnet umherstreift,
und seinen Mitgliedern die Kommunikation erleichtert. Das befähigt sie
zu erstaunlichen Leistungen. So wurden derartige Schleimpilz-Kissen im Labor
zerstückelt und in ein kleines Labyrinth verteilt. Nicht nur fanden sie
wieder zusammen - als an den beiden Ausgängen des Labyrinthes Schälchen
mit Haferflocken aufgestellt wurden, fanden sie auch dorthin, und zwar zu dem
näheren der beiden! Werden ihnen allerdings leichte Stromstöße
verpasst, kommt die Wanderung zum Stillstand, sonst sind Geschwindigkeiten von
1 cm/h keine Seltenheit.


Ein neues Ergebnis wurde diesen Jänner von der gleichen Gruppe publiziert:
bläst man einen Schleimpilz auf seiner Wanderung durch das Labor mit einem
Strahl kalter, trockener Luft an, so bleibt er stehen und braucht einige Minuten,
bis er wieder in Schwung kommt. Wird dies mehrmals im Stundenabstand wiederholt,
dann passiert das wirklich Erstaunliche: nach einiger Zeit verlangsamt er ganz
von selber im Stundenrhythmus - selbst wenn gar keine trockene Luft eingeblasen
wird! Dieses Wesen lernt also, sich auf eine regelmäßig wiederkehrende
Unannehmlichkeit einzustellen - ganz ohne Gehirn und Nervenzellen!


Mindestens so spannend wie das Resultat selber finde ich allerdings die Frage:
was sind das für Leute, die sich solche Experimente ausdenken? Was geht
in einem Menschen vor, der Schleimpilze in Stücke schneidet, sie mit Haferflocken
füttert, ihnen Stromstöße verpasst und sie schließlich
im Stundenabstand kalt föhnt? Hat er (oder sie) vom Therapeuten den Rat
bekommen, seine oder ihre Aggressionen auszuleben und ist zu faul, dreimal in
der Woche um sechs Uhr früh zum Boxtraining zu gehen? War er als Kind der
Außenseiter im Schulhof und will sich jetzt an der Gemeinschaft rächen
- und sei es eine Gemeinschaft von Amöben? Und was wird das nächste
sein?


Falls er jemanden braucht, der seinen Amöben Bach-Arien vorsingt, stehe
ich ihm gerne zur Verfügung. Im Moment arbeite ich gerade an ”Hebt
euer Haupt empor!”, das wissen sie sicher zu schätzen. Und sonst könnte
man's ja mal mit verdünnter Schwefelsäure probieren…oder teeren
und federn…? Vielleicht sind sie auch kitzlig…


Wie arm wäre die Welt doch ohne Wissenschaft!

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