Gestolpert
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Gestolpert
Manchmal findet sich ein Bein aus der Vergangenheit, das einen ins Trudeln bringt und stolpern lässt. Zum Beispiel so eine Zeile: „Wo einst der Kaspar war gesund / liegt nun er sich im Sarge wund.“
Ich brauch es ja eigentlich nicht extra zu erwähnen, aber…. Ja, es ist ein Schüttelreim. Und der Kaspar ist jener aus dem Struwwelpeter. Harald Weinkum hat sich die Mühe gemacht und dieses Werk, das viele von uns in der Kindheit zumindest kurz angerempelt hat, in eine neue Form zu bringen: Zeile für Zeile hat er die Worte geschüttelt und uns die Chance gegeben ein Kindheitstrauma aufzuarbeiten (Edition Vabene).
Weil wer von uns hat sich noch getraut, Daumen zu lutschen, nachdem er die monströse Schere im Kinderbuch sehen musste? Nie wieder habe ich auf dem Stuhl geschaukelt und die Suppe habe ich sowieso immer aufgegessen, weil… im Ernst, es war eh kaum eine da und Hungrig war mein zweiter Vorname.
Daumen gelutscht habe ich deshalb nicht, weil keine Zeit war. Seit dem siebenten Lebensjahr haben meine kleinen Fingerchen in der Knopffabrik die Löcher mit Heißwachs veredelt. Da steckt man die Daumen nicht in den Mund.
Und die Gefahr mit dem Schaukeln des Stuhls war deswegen nicht gegeben, weil am einzigen gescheiten Stuhl der Papa gesessen ist. Hätte ich mich da drauf gesetzt, hätte ich deswegen geschaukelt, weil ich eine Watschen gekriegt hätte, dass es den Stuhl mit mir gegen den Tisch und wieder zurück geprackt hätte.
Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass so manche sensible bürgerliche Existenz durch dieses Stück Weltliteratur ins Stottern kam. Und wenn man diesen Text dann kräftig schüttelt… Wird da nicht auch das Erziehungskonzept, das dahinter steckt, kräftig mitgeschüttelt? Und damit zerstört. Gerät also jetzt nach den katholischen Internaten auch noch der Struwwelpeter wieder einmal in den Sog der Aufklärung.
Ich bin schon sehr gespannt, welches Werk der schüttelnde Autor sich als nächstes vorknöpft.
Vielleicht sollte er sich durch so manches Standardwerk des Wirtschaftsliberalismus durcharbeiten.
Und: Wird er vor der Bibel halt machen?
Ich les auf jeden Fall gern sein nächstes Werk, weil:
„Wenn ich in ein Buch wollt reinkum,
dann rockt und rollt Weinkum.“
Gut geschüttelt, ohne Parkinson,
Ihre
Frau Amalie Kratochwill
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