Geistesblitze

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Geistesblitze



Ich habe eine Erfindung gemacht: die Weck-Decke mit eingebauten Kühlrippen. Mit zunehmendem Alter fällt es mir nämlich immer schwerer, das schöne warme Bettchen zu verlassen. Hier setzt nun meine Erfindung an: um Punkt 7:00 beginnt die Decke höflich, aber bestimmt, abzukühlen. Spätestens beim Erreichen des Gefrierpunktes um 7:30 sollte es selbst passionierten Langschläfern leicht fallen, mit einem fröhlichen Liedchen auf den Lippen den Tag zu beginnen. Gerade in Zeiten steigender Gaspreise und schlecht geheizter Wohnungen wird das Gerät reißenden Absatz finden! Aufwachen – Einfrieren – Aufstehen – Auftauen! So stelle ich mir einen geglückten Tagesbeginn vor!
Oder ich bleibe trotzdem liegen und denke nach?
Kalte Betttücher haben erwiesenermaßen einen positiven Einfluss auf das logische Denkvermögen. Zumindest bei Sophie Germain war das so. Deren mathematisches Interesse wurde von den Eltern missbilligt, deshalb sperrten sie die widerspenstige Tochter im Nachthemd im eiskalten Schlafzimmer ein, in der Hoffnung, ihr die Flausen so schon auszutreiben. Tochter Sophie wickelte sich trotzig in die Laken und widmete sich erfolgreich dem Satz von Fermat. Auch eine Möglichkeit, sich die Zeit der Französischen Revolution um die Ohren zu schlagen.
Deren weiterer Verlauf verhalf dann übrigens ihrem Mathematiker-Kollegen Jean Victor Poncelet zu einer ähnlichen Erfahrung: auf Napoleons Russlandfeldzug geriet er in russische Gefangenschaft und marschierte vier Monate bei arktischer Kälte (das Thermometer fror mehrmals ein) unzureichend bekleidet 12 000 Kilometer nach Saratov. Das hinderte ihn nicht daran, währenddessen sein „Saratov-Notizbuch“ anzulegen, mit dem er die Geometrie revolutionieren sollte.
Man sollte wohl realistischerweise davon ausgehen, dass die beiden schon vor der Kryotherapie ziemlich vif waren, aber vielleicht greift die Genie-will-frieren-Methode bei mir in bescheiderem Maß auch noch? Die bisherigen Experimente sind leider nicht ermutigend, wenn ich bei Schneetreiben unzureichend bekleidet nach Florisdorf radle und dabei an Ellipsen denke, finden sich höchstens ein Autofahrer, der mir offensichtliche Vertrottelung attestiert.
Andererseits komme ich langsam in ein Alter, wo ich mit über ein herzliches „Du Trottel, du vertrottelter!“ schon wieder freue, anscheinend sieht man mir mein Alter noch nicht an, sonst würde er „Sie Trottel, Sie vertrottelter“ sagen.
Außer, er hat meine Weckdecke gekauft, dann erkennt er mich sicher wieder und dann entschuldigt er sich für die Grobheit und will ein Autogramm. Und dann unterschreibe ich mit Sophie Germain, dann kriegt die auch noch was von meinem Ruhm ab.
Falls Sie auch eine Decke wollen, dann schreiben Sie mir doch bitte (krall@kabarett.at), Sie bekommen natürlich einen Sonderpreis.

Christoph Krall

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