Der Geschichtenerzähler

Künstler

Der Geschichtenerzähler

Rupert Henning schreibt, inszeniert, spielt und fasziniert.

Im September hat der Film "Freundschaft" Premiere, seine erste Filmregie. Dass er bei diesem Film auch noch die Hauptrolle spielt und das Drehbuch geschrieben hat ergibt sich von selbst.

Seine Vielfältig beschränkt sich nicht nur auf die verschiedensten Künste, er ist auch in den unterschiedlichsten Genres daheim. Egal ob er Drehbücher, Theaterstücke, Lyrik, oder Kabarettnummern schreibt: immer erzählt er dabei eine Geschichte.

Und auch das Interview mit kabarett.at ist weniger ein Frage-Antwort Spiel, vielmehr erfährt man ein bisschen etwas von der Geschichte dahinter.

Wie seid ihr überhaupt auf die Idee gekommen ein Stück über die SPÖ zu machen?

Die Idee haben wir gar nicht gehabt. Es ist kein Stück über die SPÖ - und auch kein Film über diese Partei. Die Grundidee zu dem Ganzen stammt aus dem Jahr 1997, da habe ich zwei kleine satirische Geschichten zum Thema "Ideologieverlust" geschrieben. Daraus ist die Idee für das Stück entstanden. Eine Geschichte zu erzählen, die sich damit beschäftigt, dass es in den letzten Jahrzehnten einen gewissen Ideologieverlust gegeben hat - bzw., dass Ideologien nicht mehr so maßgeblich von Bedeutung sind wie noch in den sechziger oder siebziger Jahren. In weiterer Folge hat es sich dann ergeben, dass die Geschichte vor einem sozialdemokratischen Hintergrund oder innerhalb einer sozialdemokratisch ausgerichteten Familie spielt, weil die Sozialdemokraten in Österreich (wie anderswo auch) im Vergleich zu den anderen Parteien vielleicht das größte "Problem" mit diesem Ideologieverlust hatten und haben. Sie waren immer eine Partei (und sind es bis zu einem gewissen Grad heute noch), die mit diesen ideologischen Tools sehr stark operiert.

Aber man hätte das Ganze auch auf die ÖVP münzen können?

Natürlich, in gewisser Weise schon. Der wesentliche Teil dieser Geschichte, der Kern ist kein parteipolitscher, sondern ein Generations-Konflikt, eine Auseinandersetzung zwischen einem Vater und seinem Sohn - und nicht die Auseinandersetzung mit einer Partei, egal mit welcher. Dadurch, dass der Vater in diesem Stück ein gestandener Sozi ist, oder vielmehr glaubt, einer zu sein, spielt aber natürlich diese Ideologie eine wichtige Rolle. Sie ist sozusagen Teil der Familiengeschichte. Wir haben das allerdings schon beim Stück immer gesagt - und beim Film ist es noch relevanter: Das ist kein SPÖ-Therapieprogramm, das ist auch nicht ausschließlich eine SPÖ-Analyse, es ist kein dokumentarischer, schulfunkartiger Film zum Thema "Die Roten und ihre Probleme". Es ist eine Geschichte zwischen einem Vater und seinem Sohn, in deren Schicksal die Politik immer wieder "hineinpfuscht", wo die Spuren davon, sowohl die der Parteipolitik als auch die des allgemeinen politischen Lebens, deutlich sichtbar sind.

Warum habt ihr das "Material" so lange ruhen lassen?
War das Zeitmangel oder habt ihr es als besonders passend empfunden, die "Freundschaft"-Premiere 2004 zu machen?

Es war schlicht und einfach eine Frage der Logistik. Der Erwin und ich haben 1997 ein Stück von Michaela Ronzoni namens "Bedford Drive" gespielt, 2001 haben wir ein gemeinsames satirisch- kabarettistisches Programm mit dem Titel "Ausrichten" gemacht, dazwischen gab es für jeden zahlreiche andere Projekte. Es hat sich letztendlich ganz einfach so ergeben, dass wir "Freundschaft" erst 2004 auf die Bühne bringen konnten. Der Zeitpunkt der Premiere des Stückes war nicht geplant, obwohl das von manchen Seiten im negativen Sinn gemutmaßt wurde: "Jetzt, wo die Sozialdemokraten eh nimmer in der Regierung sind, haut's ihr auch noch auf die Armen hin!" Das war aber überhaupt nicht unsere Intention, das wäre ja auch total lächerlich, eindimensional und deshalb ziemlich uninteressant. Wir haben nicht überlegt: "Jetzt warten wir noch ein Jahr, bis die Roten komplett am Boden sind - und dann bringen wir das Stück raus." Die sogenannte "Wende" war inzwischen passiert, das war eben so. Wir haben das Stück rausgebracht, als es fertig war, Punkt, Ende. Die Grundidee gab es (wie schon gesagt) schon 1997 - und die Sache hatte dann einfach genug Zeit zur Reifung, was sehr schön und angenehm war. Das ist ja bei Projekten oft nicht der Fall.

Josef Cap hat euch nach der Premiere des Stückes vorgeworfen, das Geschäft des politischen Gegners zu betreiben. Der Film/das Stück stellt sich deiner Meinung nach weder auf die Seite der SPÖ noch auf die andere Seite?

Josef Cap hat diesen Befund relativ schnell wieder relativiert, wie ich gehört habe. Das Stück spricht, finde ich, für sich selbst. Es ergreift jedenfalls sicher nicht spekulativ Partei für irgendeine politische Gruppierung. Tatsache ist, wir befinden uns in einem Wahljahr und wir bringen den Film vor der Nationalratswahl heraus, der Kinostart ist am 15.September. Natürlich sind wir ergo mittendrin in einer "politisch sensibilisierten" Zeit. Aber vor einigen Jahren, als das Stück entstand, und auch 2004, als es Premiere hatte, herrschten andere Umstände, wie man weiß. Schon damals war klar, dass das keine einseitige Stellungnahme für oder auch gegen eine Partei ist. Es gibt einen wunderschönen Satz: "Kino ist das Gedächtnis unserer Zeit." Das kann man natürlich auf jede Kunstgattung beziehen. "Freundschaft" ist ein Film, finde ich, der auf unterhaltsame Weise sehr viel über eine bestimmte Zeit erzählt. Über die letzten dreißig Jahre österreichischer Geschichte. Man kriegt, glaube ich, ein ganz gutes Bild davon, was Menschen in diesem Land in den vergangenen Jahrzehnten bewegt und geprägt hat - im politischen wie auch im "alltäglichen" Leben. Es ein sehr politisches und zugleich sehr privates Thema, es geht um Werte und den Verlust von Maßstäben, es ist ein Kammerspiel über zwei Menschen, die darum ringen, eine gemeinsame Basis zu finden, jenseits aller Missverständnisse. Und da es sich um einen sehr ideologisch orientierten Vater und einen sehr post-ideologischen Sohn handelt, krachen die natürlich immer wieder aneinander. Es ist letztlich ein Ringen um Verständnis, um Akzeptanz, um gegenseitige Toleranz. Da kommen auch sehr "private" Dinge zur Sprache, die, wie ich glaube, fast jeder nachvollziehen kann. Das ist vermutlich auch der Grund, warum so etwas ganz gut funktioniert. Von den meisten Besuchern des Theaterstücks, egal ob sie mit der SPÖ viel zu tun hatten oder von der "anderen Seite" kamen, ob sie ältere Semester waren, die vieles, was im Text angesprochen wird, aus eigener Erinnerung kannten, oder ob es sich um jüngere Leute gehandelt hat, die das meiste bestenfalls aus den Geschichtsbüchern wissen, - von den meisten Zuschauern kam der Satz: "Das kenn' ich auch! Das ist wie bei uns daheim. Das hab ich mit meinem Vater, mit meiner Mutter, mit meinem Sohn, mit meiner Tochter erlebt." Ein Konflikt der Generationen. Das ist der Kern.

Hattest du diesen Generationskonflikt? Streitigkeiten mit deinem Vater?

Jein. Also so, wie es im Film erzählt wird, hatte ich das nicht. Aber in gewisser Weise hatte ich es wiederum schon. Ich denke, jeder Sohn hat mit seinem Vater (oder jede Tochter mit ihrer Mutter - und umgekehrt) wohl automatisch Konflikte. Und jeder kommt in Situationen und Lebenslagen, in denen scheinbar unvereinbare Gegensätze aufeinander prallen. Mit meinem Vater war ich zwar sehr oft einer Meinung, aber wir hatten auch sehr oft gegensätzliche Standpunkte - vermutlich gar nicht so sehr, weil wir wahnsinnig lang drüber nachgedacht haben. Man ist einfach deshalb anderer Meinung, weil der eine der Sohn ist und der andere ist der Vater. Punktum. Da befindet man sich zwangsläufig in Opposition. Das ist auch das Interessante an dieser Geschichte: Man spielt mit anekdotischen Mitteln, auch mit tiefgehenden, sehr privaten, "menschlichen" Elementen, verbindet das mit politischen, zeithistorischen Ereignissen - und es ergeben sich daraus unheimliche Spannungsfelder. Nur ein simples Beispiel: Die SPÖ hat sich immer als Kultur- und Bildungsbewegung definiert. Wie läuft das nun ab, wenn ein sozialdemokratisch gesinnter Vater, der nach außen bestimmte Dinge vertritt, mit einem renitenten Sprössling konfrontiert ist, der permanent zu ihm in Opposition geht? Kann der Vater das, was er parteilinientreu moralisch propagiert, auch daheim im Privaten leben? Das ist spannend. Wie ist denn der Papa, der "Sozi mit Herz", mit der Mama umgegangen? Wie hat der Sohn das gesehen? Und was hat er aus dieser Familiengeschichte mitgenommen? Wenn die beiden über Politik oder historische Ereignisse diskutieren, dann reden sie in Wahrheit immer auch über das, was sie selbst daheim erlebt haben und wie ihr "häusliches, familiäres, persönliches Verhältnis" zueinander war. Da kommen dann die diversen Lebenslügen zum Vorschein, die Ideale, die man vielleicht irgendwann mal gehabt hat und die auf der Strecke geblieben sind, was man aber natürlich nicht so leicht zugeben kann.

Ist Freundschaft eine Momentaufnahme oder ist es zeitlos? Könnte man Freundschaft in 20 Jahren genauso spielen?

Das kann ich nicht beurteilen. Natürlich hat "Freundschaft" einen eindeutig aktuellen Bezug, es spielt jetzt, in der Gegenwart. Wann hat man schon einmal die Gelegenheit, vor allem mit einem Kinofilm, wirklich im "Jetzt" zu sein. Normalerweise dauert das ja alles ewig. Bis ein Kinofilm geschrieben, finanziert, vorbereitet, gedreht, geschnitten und fertig gestellt ist, bis er in die Kinos kommt, da vergehen meistens Jahre. Man ist dann also nicht mehr wirklich "aktuell", was aber auch in Ordnung ist. Mit "Freundschaft" sind wir das allerdings schon, wir kommen mit einem Film im Herbst 2006 heraus, der im Herbst 2006 spielt. Das hat auch was. Auf der anderen Seite schielen wir nicht ausschließlich nach dieser Aktualität. Ich denke aber schon, dass "Freundschaft" eine Haltbarkeit hat, so sehr es sich auch konkret auf Dinge bezieht, die aus der jüngeren Geschichte oder sogar aus der Gegenwart stammen. Das "Zwischenmenschliche" macht es "zeitlos", diese Konflikte und Debatten. Den Prozess des Verstehens wird es immer geben. Und weil du vorher gefragt hast, ob es möglich wäre, das auf eine andere politische Couleur umzumünzen: Ich glaube das grundsätzlich schon. Wobei wir nicht vorhaben, franchise-mäßig zu arbeiten: "Wir haben ein Stück über die Roten gemacht, jetzt machen wir eins über die Schwarzen, die Grünen, die Blauen, etc..." Das ist nicht der Punkt, das wäre ein bissel fad. Trotzdem könnte man natürlich ein Stück über einen konservativen, traditionsbewussten Vater schreiben, der einen ultraliberalen oder "extrem linken" Sohn hat. Bei denen wird's auch nicht immer lustig hergehen. Also das ist in gewisser Weise austauschbar. Es ist sehr viel in Bewegung gewesen in den letzten Jahren. Auch in Österreich, nicht zuletzt durch die sogenannte Wende. Scheinbar fest gefügte Machtstrukturen, einzementierte politische Verhältnisse sind durcheinandergeraten und es hat viel Aufregung gegeben. In England z.B. herrscht meinem Empfinden nach ein anderes politisches Grundverständnis, da ist eine Zeitlang die eine Fraktion an der Macht, dann wieder eine andere - und die "Wenden" werden nicht so dramatisiert. Die Briten haben eine andere demokratische Tradition. In Österreich beschäftigen wir uns noch immer mitunter leicht hysterisch damit, was denn diese sogenannte "Wende zu Schwarz-Blau" bewirkt hat und ob das "passieren durfte" - ganz einfach, weil halt davor eine sehr lange Zeit die politischen Verhältnisse in einer bestimmten Art und Weise zementiert waren. Außerdem neigt man hierzulande ein bisschen dazu, dauernd und passioniert auf die Verhältnisse zu schimpfen - und gleichzeitig möchte man nicht, dass sie sich zu radikal ändern, weil man dann schnell ein bissel beunruhigt ist.

Du beschäftigst dich mit dem Themenkomplex "Freundschaft" schon beinahe 10 Jahre. Wie war das jetzt, als du Regie geführt hast - hattest du die nötige Distanz? Weint man da nicht jedem Satz hinterher, der gestrichen wird?

Nein, jedem Satz weine ich nicht hinterher. Klar, es ist definitiv ein Sprung ins kalte Wasser gewesen. Teilweise war es sehr kalt - und teilweise war die Temperatur okay. Ich hab meinen ersten Kinofilm gemacht, ich spiele in diesem Kinofilm eine der Hauptrollen, ich hab das Buch gemeinsam mit dem Florian Scheuba geschrieben - es ist natürlich ein Herzensprojekt, keine Frage. Dementsprechend innig ist das Verhältnis dazu. Trotzdem neige ich schon dazu, mich selber in einen gewissen Abstand zu bringen. Ich bin, hoffe ich, nicht blind verliebt in die eigenen Geschichten. Es wird aber sicher Leute geben, die das Gegenteil behaupten. In Wahrheit kann ich die Frage nach der "nötigen Distanz" nicht wirklich beantworten. Ich hab im Augenblick sicher keinen Abstand zu der ganzen Geschichte, ich hab nicht den totalen Überblick und kann folglich kein nüchternes Urteil darüber abgeben, wie ich das alles finde. Dazu sind die Eindrücke zu frisch und zu intensiv. Auf der anderen Seite sitzt man im Schneideraum und sagt: "So, jetzt hab ich das gemacht, schön und gut - aber geht sich das alles aus, was ist zuviel, was gehört weg?" Man muss dann schon den Mut haben, zumindest einmal Dinge auszuprobieren, manches wegzuwerfen, sich von Sachen zu verabschieden, weil ihre Umsetzung einfach nicht gescheit funktioniert hat. Wenn ich mich von vornherein auf etwas festnagle und nur deshalb nicht von einer Entscheidung abrücke, damit ich nicht von meiner einmal getroffenen Entscheidung abrücke, obwohl es triftige Gründe gibt, genau das zu tun - dann ist das schlicht kontraproduktiv.

Was ist der Unterschied zwischen dem Film und dem Stück? Wenn ich das Stück gesehen habe, werde ich sagen: "Ja, das ist das Stück, nur mit filmischen Mitteln umgesetzt" - oder gibt es grundlegende Änderungen?

Das war ein langer Nachdenkprozess. Schon während wir das Stück geschrieben haben, war das Gefühl da, dass das auch ein Filmstoff sein könnte. Als das Stück dann rausgekommen ist, kam es sehr schnell zu einem Gespräch mit dem Danny Krausz und dem Kurt Stocker, den Produzenten von der DOR-Film. Die haben gesagt: "Wir würden das gerne machen." Also haben wir uns hingesetzt und angefangen, konkret zu überlegen, wie man aus dem Stück einen Film machen könnte. Dann gab es, wie schon erwähnt, einen sehr langen Nachdenkprozess - und am Ende stand das Ergebnis, in diesem Fall möglichst nahe am "Kammerspiel" zu bleiben, weil das unserer Meinung nach den Reiz der Sache ausmacht: das Konzentrat, die präzise Verdichtung, die Nahaufnahme der beiden Hauptfiguren. Das wurde durchaus nicht gleich von allen Beteiligten gutgeheißen, wir haben ausführlich über die Entscheidung diskutiert.

Im Film wird also in dem Sinn nicht viel "neu dazuerfunden", wir modeln die Geschichte nicht komplett um. Sie handelt von zwei Menschen und einem Tag, den sie gemeinsam verbringen. Es ist ein sehr reduziertes Ding. Aber natürlich bietet der Film unendlich viele Möglichkeiten, die das Theater nicht bietet. Man kann noch viel besser fokussieren. Ich bin als Regisseur in der Lage, den Blick des Betrachters auf das kleinste Detail im Gesicht des Darstellers zu lenken. Es gibt einen wunderschönen Satz von István Szabó: "Kino ist das sich verändernde Gesicht." Das ist großartig. Am Theater sitze ich als Zuschauer vielleicht in der 25. Reihe und kriege vieles von der Intensität des Spiels, viele Details natürlich nicht mit. "Freundschaft" ist, glaube ich, ein sehr reduzierter, ein kleiner, intimer Film. Wir haben aber nicht einfach das Theaterstück auf die Leinwand verfrachtet. Die Figuren sitzen nicht bloß andauernd in einem Zimmer und reden. Wir wechseln die Schauplätze, es passieren schon viele Dinge im Film, die im Stück nicht vorkamen. Wir haben aber zum Beispiel nicht viele neue Figuren eingeführt oder mit zahllosen Rückblenden gearbeitet. Die Mutter, die als Person enorm wichtig und von der oft die Rede ist, tritt auch im Film nicht in Erscheinung - nur auf einer Fotografie. Trotzdem ist sie sehr präsent in der Geschichte. Das ist überhaupt ein wesentliches Merkmal - in dem Konflikt, den Vater und Sohn miteinander haben, in diesem Wort-Duell spiegelt sich sehr, sehr viel, ohne dass man es eindeutig zeigen muss. Wenn die beiden etwa über die Mutter reden, über den verstorbenen Onkel Peppi, über Menschen, die ihnen etwas bedeuten, über Sachen aus der Vergangenheit, dann muss ich die gar nicht alle sehen. Ich sehe und spüre die Auswirkungen ja an den beiden und an ihrem Verhalten. Da bietet der Film auch extrem viele Möglichkeiten, im Theater funktioniert das in der Form nicht so gut. Da gibt es eine Bühne und da stehen zwei Maxeln drauf, ich hab Leute, die fünf Meter davon entfernt sitzen, und andere, die sitzen 25 Meter weit weg. Das ist eine ganz andere Situation, das wirkt sich natürlich auf das Spiel, die Dramaturgie etc. aus. Im Kino sind alle gleich nah dran. Dafür hat das Theater andere Vorteile.

Was spricht die Menschen deiner Meinung nach mehr an - der Kinofilm, weil die Leute näher dran sind, oder das Theaterstück, weil die Zuseher live dabei sind?

Ich möchte das eigentlich gar nicht vergleichen. Jede Vorstellung am Theater ist zum Beispiel einzigartig in ihrer Form, unwiederholbar, unverwechselbar, obwohl das Stück vielleicht 100 Mal gespielt wird. Theater ist somit ein anderes Erlebnis. Es gibt das Theaterstück "Freundschaft" - und es gibt den Film. Das sind zwei verschiedene Sachen. Man kann das Theaterstück gesehen haben und sich den Kinofilm ansehen - und wird trotzdem viel Neues entdecken, glaube ich. Kleinigkeiten und auch größere Dinge. Ich finde, es lohnt sich, das zu tun. Aber man kann sich selbstverständlich auch den Kinofilm ansehen, ohne das Theaterstück gesehen zu haben.

Warum hast du genau bei diesem Film zu ersten Mal Regie gemacht, du hast ja schon viele Drehbücher geschrieben. Hat es dich vorher nicht gereizt, waren die Angebote nicht da?

Es hat sich bisher einfach nicht ergeben. Es hat mich gereizt und die Angebote waren auch da. Aber das ist das eben erste Projekt, das zustande gekommen ist. So einfach ist das.

Willst du wieder Filmregie machen?

Gute Frage, die beantworte ich Dir vielleicht in ein paar Monaten. Ich hab einen zu großen Respekt vor dem Beruf des Filmregisseurs, um das jetzt einfach so beantworten zu können. Ich hab viel darüber gelernt in den letzten Monaten, ich möchte jetzt erst einmal eine gewisse Zeit vergehen lassen, um mit gebührendem Abstand alles beurteilen zu können: Wie ich mich selber als Regisseur gefunden habe, wie ich das Ergebnis finde, wie es mir bei der ganzen Sache ergangen ist - und ob das grundsätzlich ein Beruf ist, von dem ich glaube, dass ich ihn ausüben möchte und kann. Dann werde ich mich diesbezüglich entscheiden. Grundsätzlich kann ich aber jetzt schon sagen, dass es ein unendlich verführerischer Beruf ist, ein ganz, ganz toller Job, wahnsinnig interessant. Aber egal, was ich mache, ob Theater oder Film, ob ich schreibe oder inszeniere, ich versuche in erster Linie, gute Geschichten zu erzählen. Film ist natürlich eine ungemein verführerische Art des Erzählens, weil du sehr viel machen kannst und scheinbar unendlich viele Möglichkeiten hast. Das ist logischerweise mehr als attraktiv für jemanden, der gerne auf verschiedene Arten Geschichten erzählt.

Hast du zum Erwin ein Vater-Sohn Verhältnis?

Ein bisschen, ja. Obwohl der Erwin ja bitteschön noch nicht so alt ist und ich wiederum schon zu alt, um sein Sohn sein zu können - das geht sich nicht so locker aus. Aber in gewisser Weise ist es trotzdem ein Verhältnis dieser Art. Allerdings ist das eine Frage, über die wir alleine drei Stunden reden könnten. Wobei ich das nicht unbedingt möchte, man muss nicht alles beflissentlich in die Öffentlichkeit tragen. Der Erwin und ich kennen uns schon relativ lange, wir haben 1997 das erste Mal zusammen Theater gespielt. Zusammengearbeitet haben wir früher schon, bei diversen Hörspielen. Kennen tun wir uns noch länger. Ich hab immer bewundert, welche Dinge der Erwin als Darsteller zu leisten vermag. Und wenn ein sehr arrivierter Schauspieler mit einem jüngeren Kollegen zusammenarbeitet, dann gibt es da vermutlich oft so etwas wie ein Vater-Sohn-Verhältnis, dann ist oft der Ältere eine Art Mentor. Gleichzeitig hat es zwischen uns immer eine Freundschaft gegeben, eine gemeinsame private Ebene. Da vermischen sich dann Dinge. Der Erwin ist auch ausschließlich Schauspieler, er schreibt nicht, im Gegensatz zu mir, was ja auch eine Rolle spielt. Das Verhältnis hat viele Aspekte.

Du schreibst Drehbücher, Lyrik, Kabarett, Theaterstücke, du spielst, inszenierst... Gibt's irgendetwas, was du noch können willst?

Vieles.

Bist du überhaupt schon an etwas gescheitert?

Oft. Ich weiß ja auch nicht, ob ich nicht jetzt mit "Freundschaft" in bestimmter Hinsicht ebenfalls gescheitert bin. Keine Ahnung, das wird man sehen. Man scheitert in gewisser Weise immer, zumindest in Details. Ich bin jedenfalls kaum zufrieden mit den Dingen, die ich mache - auch wenn das, glaube ich, nach außen oft anders wirkt. Das hat, denke ich, damit zu tun, dass ich fast alles, was ich tue, mit sehr viel Hingabe und Elan angehe - und das erweckt vermutlich manchmal den Eindruck, als wäre ich nicht flexibel oder für Kritik empfänglich. Außerdem bin ich natürlich immer ein bisschen in dieser Tausendsasa-Problematik gefangen, in der Gefahr, mich zu verzetteln, weil ich halt auf verschiedenen Ebenen arbeite, weil ich verschiedene Berufe ausübe. Andererseits probiere ich, soweit es geht, in jeder Situation, mir zuerst ein gewisses Maß an Handwerk zu erarbeiten und erst dann eine Sache anzugehen. Aber man könnte freilich fragen: "Du hast noch nie in deinem Leben einen Film inszeniert. Wie kommst du also zu dem Glauben, dass du das kannst - noch dazu, wo du selber mitspielst und das Buch mitgeschrieben hast!?" Man könnte durchaus behaupten, dass ich ein ganz schönes, vielleicht nicht wirklich gesundes Maß an Größenwahn habe. Wie auch immer, man wird hoffentlich an den Ergebnissen seiner Arbeit gemessen, die sprechen ja für sich. Es gibt selbstverständlich Sachen, die ich geschrieben, gespielt oder inszeniert habe, die ich mittlerweile selber nicht mehr so toll finde. Andere sind vielleicht ganz gut gelungen. "Freundschaft" ist ein Projekt, bei dem ich schon beim Schreiben gespürt habe, dass es gelingen kann. Dass wir irgendwie einen Punkt getroffen haben - und zwar ziemlich genau den Punkt, den ich diffus an irgendeinem Horizont gesehen habe, als sich die Grundidee zu dem ganzen Projekt herausgeschält hat. Damals hab ich mir gedacht: "So etwas möchte ich einmal machen." Eine Geschichte, die diese und jene Komponenten vereint, die - um es konkret zu sagen - berührend und wahrhaftig, aber mit den Mitteln der Satire erzählt ist. Das ist eine Verbindung, die ich sehr schätze. Ich hab immer Leute wie Swift oder Heine bewundert, die mit den Mitteln der Satire sehr, sehr ernsthafte Dinge unheimlich auf den Punkt bringen konnten. Bei "Freundschaft" hatte ich zu Beginn im Großen und Ganzen nur eine vage Vorstellung davon, was es werden soll. Im Kern war die Vorstellung aber sehr konkret. Und als wir es dann gemeinsam mit dem Florian geschrieben hatten, als der Erwin und ich es spielten, war da ein Gefühl großer Kongruenz, großer Übereinstimmung - zwischen meiner Vorstellung vom Beginn der Arbeit und dem Endergebnis. Es ist ziemlich genau das geworden, was ich gehofft hatte. Der Kern hat für mich gestimmt - in der Vorstellung und auch in der Umsetzung. Das ist nicht so oft der Fall - und es ist wirklich nett, wenn es einmal geschieht.

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