Boshaft
Künstler
Boshaft
Heute will ich Ihnen eine andere Seite von mir vorstellen. Ja, hinter meinem lieblichen Antlitz verbirgt sich hin und wieder auch eine bemerkenswerte Portion Bosheit.
Wenn ich entsprechend verspielt gelaunt bin, bleibe ich auch gern einmal vor einer Straßenbahn stehen. Also vor einer Straßenbahn, die in der Station steht und noch schnell in der aktuellen Grünphase losfahren will. Was sie aber nicht kann, weil ich direkt vor ihr stehe, und mir mit verkrampfter Mimik ans Herz greife. Gut 100 Personen verlieren wieder wertvolle Minuten und der eine oder andere auch sein Gesicht, weil er wütend in einen Haltegriff beißt. Irgendwer kann einen wichtigen Termin nicht wahrnehmen, ein anderer verpasst die Liebe seines Lebens.
Dieser Moment wird nur dadurch getrübt, dass vielleicht der eine oder andere durch diese Verzögerung einen Menschen trifft, den er schon lange nicht mehr gesehen hat. Und dann die zusätzliche Wartezeit in der Straßenbahn nützt, um eine Beziehung wieder zu vertiefen. Und dann vielleicht ein Glücksgefühl empfindet, wie schon seit Tagen nicht.
Irritieren tut mich auch die Vorstellung, dass durch mein Schauspiel ein Auto nicht bei der nächsten Kreuzung in die Bim reintuscht. Weil es genau dann mit zu hoher Geschwindigkeit in die Kreuzung rauscht, wenn ich noch Mitleid heischend mein Herzerl massiere und die Bim eine Kreuzung davor blockiere. Dass ich vielleicht sogar Leben rette, zumindest aber den Versicherungen Geld spare.
Dann könnte ich gleich verärgert werden und so richtig boshaft.
Dann lasse ich in Zukunft alle Straßenbahnen schnellst möglich losfahren, halte niemanden mehr auf, spiele nicht mehr den Herzkasperl. Wenn es einem so gedankt wird.
Dann kann ich ja gleich wieder auf die Kabarettbühne gehen, wenn ich nichts anstellen kann. Dass alles so unberechenbar sein kann. Ist ja teuflisch.
Dann soll die Welt inklusive Menschheit ihren Lauf nehmen.
Einen letzten Versuch will ich noch unternehmen.
Demnächst.
Im Supermarkt gleich bei Ihnen ums Eck.
An der Kassa werde ich den Inhalt von meinem Geldbörsel ausstreuen.
Über das Fließband und den Scanner.
Über die Kassiererin und den Boden.
Über die Batterien und die Smarties.
Und ich hoffe, dass Sie sich so richtig ärgern.
Und dass Sie nicht versuchen, aus der längeren Wartezeit irgendwie Kapital zu schlagen.
Danke.
Herzlichst,
Ihre Frau
Amalie Kratochwill
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