Ballungen
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Sprachwissenschaftler sind sich uneinig, woher die Bezeichnung „Ball“ für Tanzveranstaltungen kommt. Die plausibelste Erklärung sieht die Herkunft im slawischen Wort „Bol“ (Schmerz, Qual) aber auch ungarisch „baleset“ (Unfall) kommt in Frage.
Ich selber meide Ballveranstaltungen. Werfen Sie mir aber bitte deswegen keinen Mangel an Masochismus vor – die Abstinenz ist rein finanziell bedingt, und am meisten bedaure ich, dass ich den Ball der Wiener Linien am 27. Februar im Rathaus versäumen werde. Wenn es den Wiener Linien gelingt, dabei ein wenig von ihrem charakteristischen Charme in die Veranstaltung einzubringen, dann könnte das eine spannende Brechung der eingefahrenen Ball-Routine bedeuten.
Zum stimmungsvollen Beginn könnte man die Gäste ja eine halbe Stunde vor dem Rathaus warten lassen. Zur Zeitverkürzung werden Zeitungsständer mit dem U-Bahn Express und „Österreich“ aufgestellt, um die authentische Wiener-Linien Atmosphäre zu schaffen, werden die Gäste gebeten, die Zeitungen nach dem Einlass mit in den Saal zu nehmen und gleichmäßig über Tische und Tanzfläche zu verteilen. Vorher allerdings gilt es, einen kleinen Intelligenztest zu bestehen:
Nachdem Einlass werden die Gäste nämlich mit einer Lautsprecherdurchsage begrüßt - „Sehr geehrte Ballgäste! Aufgrund von Bauarbeiten wurde der Ball der Wiener Linine in den Chrwrxkrxkrxkrxchrrrowoaah im Rxwllstssrtrttzzzzzzz verlegt. Wir danken Ihnen für Ihr Verständnis!“ - und nun ist die Aufgabe der Gäste, die Hinweisschilder und Markierungen richtig zu interpretieren. Zu richtigen Saal finden sie nur, wenn sie erkennen, dass blaue Bodenmarkierungen und schwarze Hinweisschilder in die richtige Richtung weisen, während gelbe Bodenmarkierungen, handgeschriebene Schilder und Leuchtanzeigen in den Müllraum führen.
Im festlich geschmückten Ballsaal sind dann die meisten Sitzplätze besetzt, bei den freien liegen unmittelbar ersichtliche Gründe für ihr Freisein vor, am stimmigsten wohl in flüssiger oder halbflüssiger Form. Um den neu hinzukommenden Gästen trotzdem Halt zu bieten, hängen daher von der Decke orange Plastikschlaufen, welche zuvor vom Institut für Mikrobiologie entsprechend imprägniert wurden.
Auch sollte der Veranstalter Sorge für eine genügend große Zahl von Kampfhustern tragen, die, in Begleitung von Döner-Essern, ihre Runden durch den Saal drehen. Für den musikalischen Teil der Veranstaltung sorgt ein Teeny-Orchester mit Nokia-mp3 Handys, aus denen synchron Techno-Rhythmen schallen. Als Mitternachtseinlage könnte man vielleicht noch einen Akkordeon-Spieler engagieren, aber da wird vielleicht das Jugendamt Einspruch erheben. Schließlich braucht der ein Kind, das nachher mit dem Plastikbecher sammeln geht, und da könnte es Probleme mit dem Jugendschutzgesetz geben.
Naheliegend dafür der krönende Abschluss: um Punkt vier Uhr früh erhebt sich ein Viertel der männlichen Ballsbesucher mit dem Ruf „Fahrscheine voerweisen!“
Und dann zahlen alle 50 Euro und werden angezeigt, das stärkt die Kundenbindung.
Christoph Krall
P.S. Diese Kolumne widme ich meinem Kollegen Kristan Schneider.
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