"Kitsch": Berni Wagners zweiter Streich

Einer der spannendsten Künstler in der Riege der jungen Kabarettisten präsentiert sein zweites Soloprogramm. In "Kitsch" verspricht Berni Wagner nicht weniger als "die Wiederverzauberung der Gemeinschaft ab dem ersten Satz" (Pressetext). Rechtzeitig vor der Premiere hat sich der Mühlviertler für ein Interview mit kabarett.at Zeit genommen.

Aus der psychedelischen Sagenwelt Oberösterreichs stammend, ist Berni Wagner 2011 erstmals auf offene Bühnen geraten - aufgrund von Zwangsvorstellungen, wie es augenzwinkernd in seiner Biographie heißt. In der Slam Poetry-Szene verdiente er sich erste Sporen als dreister Dichter, Gunslinger-Songwriter und wirrer Geschichtenerzähler. 2013 folgte mit "Schwammerl" das erste Soloprogramm, für das er mit dem Grazer Kleinkunstvogel gleich einen der wichtigsten Kleinkunstpreise des Landes gewinnen konnte. Nebenher war Wagner Mitgestalter der experimentellen Sendung "Das magische Auge" auf Radio Campus. Seit 2015 ist er gemeinsam mit Lisa Eckhart, Daniel "Düsi" Lenz sowie Maurer & Novovesky Teil der "Langen Nacht des Kabaretts". Am 29.02.2016 findet im Kabarett Niedermair die Premiere des zweiten Soloprogramms "Kitsch" statt. Im Vorfeld haben wir das folgende Interview geführt.

 

Dein zweites Soloprogramm heiß „Kitsch“. Setzt du damit einen ästhetischen Kontrapunkt zum morbid-verschrobenen Stil des Vorgängers „Schwammerl“?
Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, ob das wirklich mal der Plan war. Aber der Titel war zumindest nie ironisch gemeint. Ironie versuch ich mittlerweile zu vermeiden, ich glaub nicht mehr daran, um dramatisch zu werden. Mich hat der Begriff „Kitsch“ einfach fasziniert. Die große Abweichung von „Schwammerl“ die ich geplant hatte war, dass ich weniger, aber dafür besser ausgearbeitete Figuren schreiben wollte. Das Morbide schleicht sich bei mir immer eher rein. Ich hab ja auch bei „Schwammerl“ nur Dinge erzählt die ich wirklich lustig und richtig beobachtet fand. Manche Leute haben sich daran gestoßen. Wann das passiert, kann ich mittlerweile sicher besser einschätzen, aber intendiert war das nicht. Ich hab hauptsächlich das gemacht, von dem ich mir dachte es würde mich auch unterhalten. Als Kabarettist hat man halt den großen Luxus, dass man Geschichten so erzählen kann, dass man sie als ehrlich empfindet. Dass ich da diverse Abgründe nicht außen vor lassen kann sagt sicher was darüber, wie ich die Welt sehe. Aber mit der Analyse beschäftige ich mich vielleicht besser nach der Premiere.

Was dürfen wir auf der inhaltlichen Ebene erwarten?
Hosea (Ratschiller) und ich haben, ausgehend von Stand-Up Comedy Texten die ich im letzten Jahr erarbeitet habe, eine Figur auf eine Reise geschickt. Die beginnt auf einer Hochzeit, wo ein Freund des Bräutigams als Moderator engagiert ist. Der fühlt sich vom Leben bedroht, unter anderem auch weil er nicht weiß, wann es Zeit ist, mal den Mund zu halten. Der zweifelt viel, aber er glaubt trotzdem irgendwie daran, dass alles, inklusive ihm selber, gut werden könnte - und dann ist er auch noch überzeugt, dass man das auch anstreben sollte.

Was hast du privat für ein Verhältnis zum Kitsch?
Ich bin nicht komplett immun dagegen. Eine der frühen Motivationen, das Programm so zu betiteln war tatsächlich auch die Frage, ob ich das gerne wäre, und wenn ja warum. Wenn man anfängt, sich auf Kitsch zu konzentrieren findet man ihn überall, von der Keramikfigur über die Social Media Präsenz bis zum Lebensentwurf. Kitsch ist ja eigentlich ein Kampfbegriff aus der Kunsttheorie. Da bedeutet Kitsch den Gegensatz zur Kunst, weil Kitsch mit Faulheit, Stagnation und schönen Lügen einverstanden ist. Aber Kitsch ist eben auch populär. Da gibt es ein Bedürfnis danach, und wo Bedürfnisse sind, werde ich aufmerksam, weil da gibt es auch Geschichten zu erzählen.

Die Premiere deines ersten Programms hat in kleinem Rahmen im Keller des Café Benno stattgefunden. Jetzt ist die Uraufführung im legendären Kabarett Niedermair. Eine beachtliche Entwicklung in relativ kurzer Zeit. Wie kommt das?
Ich möchte an dieser Stelle natürlich festhalten, dass das Benno nach wie vor auch ein wunderbares Lokal ist! Die Premiere fand damals aber auf einer zirka zwei Quadratmeter großen Bühne mit einem Scheinwerfer statt. Da haben wir im Kabarett Niedermair bezüglich der Inszenierung natürlich ein bisschen mehr Möglichkeiten. Ich darf außerdem dort auf der Bühne proben, was sehr nett und keine Selbstverständlichkeit ist. Und das ist vielleicht auch gleich die Antwort auf die Frage: Sehr viele Menschen waren sehr nett zu mir, und haben mir Möglichkeiten gegeben. Warum sie das tun, wissen sie selber wahrscheinlich besser als ich, aber ich bin natürlich froh drüber!

Du bist auch mit der „Langen Nacht des Kabaretts“ im Ensemble unterwegs, traditionell eine Kaderschmiede für hoffnungsvolle Kleinkünstler und der Start vieler großer Karrieren. Was kann dich dann überhaupt noch stoppen? Und, ernsthafter gefragt: Macht es Spaß, mit der Kollegenschaft durch die Lande zu tingeln?
Es macht sehr großen Spaß! Wir sind in der aktuellen Besetzung sehr bunt durchgemischt und eigentlich fast durchgehend blutige Anfänger. Lisa Eckhart, Maurer & Novovesky und ich sind ja alle mit unseren ersten Programmen bei der „Langen Nacht“ eingestiegen - und wir können glaub ich alle viel von einander lernen. Von Düsi Lenz natürlich sowieso, der ist ja schon länger im Geschäft und kennt alle Tricks! Da kann man dann auch zusehen wie sich Nummern, Auftritte und Bühnenfiguren entwickeln.

Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Hosea Ratschiller gestaltet, der bei „Kitsch“ für die Regie verantwortlich zeichnet?
Also man muss sich ja beim Regisseur immer gut stellen auch, aber: Ich verdien' den Hosea Ratschiller ja wahrscheinlich gar nicht. Aber halt sonst eigentlich eh auch niemand. Ich finde, was er macht ist von einer Raffinesse mit der er eigentlich auf weiter Flur allein dasteht - oder zumindest ganz weit oben. Er ist wie ich jemand, der sehr viel wert auf Text legt. Am Text haben wir dann auch gemeinsam gearbeitet, was mich schon sehr begeistert hat. Zum Glück hat er, im Gegensatz zu mir, auch noch sehr viel Ahnung von Theater und Inszenierung, so dass wir in einer relativ kurzen Probezeit aus einem Text, auf den ich schon ein bisschen stolz war ein Stück machen konnten, auf das ich sogar noch ein bisschen stolzer bin.

Machst du eigentlich Poetry Slam auch noch hin und wieder?
Ich hab vor zirka zwei Jahren komplett aufgehört, weil ich nicht sehr gut darin war. Text ist wahnsinnig wichtig, das habe ich durch Poetry Slam gelernt, aber die Darbietung auch, und im Gegensatz zu vielen tollen Slammern brauche ich für meine den Blickkontakt zum Publikum, die Hände frei, und den Text noch ein bisschen formbar. Ein Text muss auf der Bühne lebendig werden, und mir gelingt das nicht mit dem Textblatt in der Hand - oder auch nur im Kopf. Mich trifft man deshalb mittlerweile eher bei offenen Bühnen für Stand Up Comedy. Da entwickelt der Text dann auf der Bühne ein Eigenleben und wenn man spontan je nach Gefühl Dinge hinzufügt oder weglässt, können Schreiben und Performen zusammenfallen.

Und zum Schluss: Was bringt die nähere Zukunft?
Termine mit dem neuen Programm, noch viele Termine mit der „Langen Nacht des Kabaretts“, Projekte die erstmal nur für mich bestimmt sind, und vor allem hoffentlich viel Zeit mit Menschen die mir wichtig sind. So ein Programm zu erarbeiten nimmt nämlich schon einiges an Zeit in Anspruch, da waren viele Leute sehr geduldig mit mir. Und auf die freue ich mich jetzt schon!

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Premiere von "Kitsch" findet am 29.02.2016 um 19:30 im Kabarett Niedermair statt und ist ausverkauft. Folgetermine: 05.03. (19:00!), 13.04., 31.05. Alle weitern Termine - solo und mit der "Langen Nacht des Kabaretts" finden Sie in unserem Kalender. 

Interview vom 29.02.2016, 14:23 Uhr · rb
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