RaDeschnig: Die Flucht ins Kinderzimmer

Birgit und Nicole Radeschnig legen ihr viertes gemeinsames Programm vor (Premiere: 28.01.2016). Darin geht es um die selbstgewählte Isolation einer Protagonistin, die sich immer weiter aus der Außenwelt zurückzieht. Mit kabarett.at hat das Geschwisterduo über "Zimmer Küche Kabinett" und mehr geplaudert.

Es sind zwei Merkmale, die sich wie ein roter Faden durch das gemeinsame Schaffen des Kabarettduos ziehen: Einerseits der hohe Stellenwert, den die Musik in den Programmen einnimmt. Das ist wenig verwunderlich, schließlich sind die beiden blendende Musikerinnen, die nicht nur über hervorragende Gesangsstimmen verfügen, sondern auch diverse Instrumente bestens beherrschen. Zum anderen suchen sich RaDeschnig auf der inhaltlichen Ebene gerne Themen aus, die man zumindest für Kabarett-Verhältnisse gemeimhin als "schwierig" bezeichnen kann: Eines ihrer vergangenen Programme spielte in einem Altersheim in der Zukunft, und zuletzt waren die fragwürdigen, teils gefährlichen Versprechen der Gesundheits- und Esoterikindustrie das Thema.

Im neuen Programm "Zimmer Küche Kabinett" geht es um die Schwierigkeit, sich in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt zurechtzufinden und um eine Hauptfigur, die aus diesem Grund Isolation und Flucht in die eigenen vier Wände bevorzugt. Birgit und Nicole Radeschnig haben sich für kabarett.at und das folgende Interview Zeit genommen. Darin äußern sie sich u. a. zur Geschichte und dem Entstehungsprozess des neuen Programms, ihre erstmalige Zusammenarbeit mit Regisseur Nikolaus Habjan, und erzählen, in welche Projekte sie aktuell sonst noch künstlerisch involviert sind.

Die Premiere eures neuen Programms „Zimmer – Küche – Kabinett“ findet sehr bald statt. Wie laufen die Proben und Vorbereitungen? Alles schon so, wie es sein soll?
Nicole Radeschnig (N): Wir sind zumindest soweit dass das Stück nicht mehr mit einer Kettensäge, sondern mit feinstem Schleifpapier bearbeitet wird.
Birgit Radeschnig (B): Für „so, wie es sein soll“ fehlt noch das Publikum. Proben im Wohnzimmer mit einer Stoffente als Ansprechpartnerin ist kein adäquater Ersatz.
N: Aber sie ist eine geduldige Zuhörerin.
B: Obwohl...siehe Antwort auf Frage vier.

Worum wird es im Programm gehen? Was dürfen wir erwarten?
B: Eine junge Frau zieht sich in ihr altes Kinderzimmer zurück, weil es ihr draußen schlichtweg zu anstrengend geworden ist.
N: In einem Satz alles zusammengefasst, bravo.
B: Nicht?
N: Bisschen wenig Information.
B: Bitte sehr.
N: Ein Hauptgrund für die Flucht in die vier Wände liegt beispielsweise in der verzerrten Realität der sozialen Netzwerke. Man wird überschüttet mit Informationen über extrem erfolgreiche Menschen die jedes Wochenende gut gelaunt mit ihren Prachtkindern Berge in Südamerika besteigen und einem das Gefühl geben in seinem Leben völlig zu versagen.
B: Man schreibt halt lieber „Ausverkauft!!!“ als „Abgesagt“.

Der Titel nimmt Bezug auf ein Kinderspiel, das der heutigen Generation an Kindern vermutlich kaum noch bekannt ist. Wie kam es zu dem Titel?
B: Das Kinderspiel würde mit mir und Nicole folgendermaßen funktionieren: Ich stehe mit dem Rücken zu Nicole und sage einen Spruch auf. Währenddessen bewegt sich Nicole auf mich zu. Wenn ich mit dem Satz fertig bin, dreh ich mich um und sie muss komplett erstarren. Dann geht das ganze wieder von vorne los und das Ziel ist für Nicole, mich zu erwischen.
N: Der Spruch lautet: „Zimmer, Küche, Kabinett, hinterm Ofen steht ein Bett.“
B: Deshalb ein perfekter Titel, weil unsere Hauptperson aus Angst, im stressigen Alltag zu versagen, immer wieder vorsichtshalber erstarrt, um nicht handeln zu müssen.
N: Da sie allerdings immer öfter erstarrt, folgt letztendlich der Entschluss: Kompletter Rückzug ins Kinderzimmer.

Es ist euer viertes Kabarettprogramm. Wie habt ihr die Zeit des Schreibens, Erarbeitens und Probens im Vergleich zu den früheren Projekten erlebt? Stellt sich aufgrund der größeren Erfahrung in manchen Punkten so etwas wie Routine ein?
N: Zum ersten Mal Regie! Das war bestimmt die größte Veränderung.
B: Das war eine ungewohnte Erfahrung, wir präsentieren sonst Programme immer erst, wenn sie schon fertig und ausgereift sind. Diesmal hatten wir schon beim Herumstolpern einen Zuschauer.
N: Ja, Nikolaus Habjan war recht früh involviert und stand als objektiver Beobachter und Hilfesteller bereits in der Anfangsphase zur Verfügung.
B: Ansonsten ... während des Schreibprozesses wurden diesmal schneller Ideen verworfen. Ist das Routine?
N: Eher eine ausgeprägtere Form von Selbstzweifel.
B: Also das will jetzt wirklich niemand lesen.

Die von euch mitbegründete „Gemischte Platte“ erfreut sich ja nach wie vor ungebrochener Beliebtheit. Eines der Ziele des Projektes war und ist es, junges, studentisches Publikum für die Kleinkunst zu gewinnen. Wir hat das bisher eurer Meinung nach funktioniert? Gibt es diesbezüglich in den letzten Jahren einen Aufwärtstrend zu beobachten?
B: Ich sag mal „ja“ und bin gespannt auf die Erklärung.
N: Die Gemischte Platte war ein guter Anfang um die junge Szene zu vernetzen und so auch junges Publikum anzulocken. Das hat wunderbar funktioniert, die Vorstellungen im Kabarett Niedermair und im Café Tachles sind nach wie vor sehr gut besucht. Unsere Kollegen, die mit dem Kabarettkollektiv „Hut ab“ im AERA einen Fixpunkt gesetzt haben können auch nicht über einen Zuschauerschwund klagen. Ob man dieses neue Publikum dauerhaft für das Kabarett begeistern kann wenn die Kartenpreise immer höher werden, wird sich zeigen.
B: Ja.

Gibt es noch weitere Projekte (aktuelle oder künftige), in die ihr involviert seid, und auf die ihr hinweisen möchtet?
B: Die eben erwähnte Gemischte Platte gastiert am 23.1. um 22:00 im Kabarett Niedermair.
N: Ein anderes Projekt ist die kabarettistische Lesung „Der allerletzte Tag der Menschheit (Jetzt ist wirklich Schluss!)“ von und mit Hosea Ratschiller, für die wir die Musik geschrieben haben. Mittlerweile gibt es davon eine Ö1 CD, die in diesem Jahr mit einer ausgedehnten Tour durch Deutschland und Österreich reisen wird.
„Der allerletzte Tag“ gastiert am 12. Februar um 22:00 im Kabarett Niedermair.

Zum Schluss: Ihr seid gut vernetzt, und immer wieder bei Vorstellungen der Kollegen zu Gast. Welche Programme auf den aktuellen Spielplänen könnt ihr außer dem eigenen besonders empfehlen?
B: Ach, schaut euch einfach alles an.
N: Ja, alles und „Menschenkür“ von Flüsterzweieck.

Danke für das Gespräch!

 

Die Premiere von "Zimmer Küche Kabinett" von und mit RaDeschnig findet am 28.01.2016 um 19:30 im Theater am Alsergrund statt. Alle weiteren Termine finden Sie in unserem Kalender

Interview vom 13.01.2016, 10:30 Uhr · rb
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