Goldener Kleinkunstnagel 2013 an Thomas Kreimeyer

DIe Nagel-Trophäe hat einen Besitzer gefunden: Mit einer Impro-Performance vom Allerfeinsten begeisterte der aus Wiesbaden stammende Stegreif-Kabarettist Thomas Kreimeyer am vergangenen Samstag im Theater am Alsergrund.

 

So noch nie gesehen

Der Grundtenor der Gespräche unter den anwesenden Kabarettfans, Journalisten und Branchenleuten war der selbe, während man gespannt auf die Bekanntgabe des Ergebnisses wartete: So etwas habe man in dieser Form noch nicht gesehen! In der Tat begeisterte Thomas Kreimeyer mit seiner ganz eigenen Form des Stegreifkabaretts. Im eleganten Zweireiher erschien er auf der Bühne, verließ sie aber recht bald und verbrachte fast mehr Zeit im Publikumsraum als auf der Bühne. Er stellte den Leuten scheinbar ganz banale Fragen: Was sie gerne im Fernsehen sehen, welchen Beruf sie ausüben, u. s. w.

Was Kreimeyer dann aus den meist ebenso unspektakulären Antworten machte, war faszinierend: Er paraphrasierte die Aussagen des Publikums, zog unerwartete Schlüsse und Folgerungen, vernetzte diese virtuos, brachte letztlich die Zuseher untereinander ins Gespräch und sorgte damit für überraschte Begeisterung. Die Einbeziehung des Publikums in der Kleinkunst, die häufig so bemüht und manchmal deplatziert wirkt, hier war sie Methode. Das Auditorium generierte die Unterhaltung scheinbar ganz von selbst, angeleitet und moderiert von Mastermind Kreimeyer, der die Zügel zwar locker ließ, aber stets die Kontrolle über das Geschehen behielt.

Das begeisterte auch die Fachjury, die in ihrer Begründung schrieb: "Ein mutiger Mann, der  ein Netz mit dem und über das Publikum webt. Er macht aus jeder Wortspende ein Vermögen. Er erhebt Improvisation zu einer Kunstform und lässt das Publikum lauthals lachen, vor allem über sich selbst!" Kreimeyer darf sich damit neben der begehrten Trophäe über ein Preisgeld von €4000,- sowie fünf Spieltage im Theater am Alsergrund freuen.

Zwei Österreicher, zwei Deutsche

Aus den Vorrunden im Lauf der Woche ging diesmal ein rein männliches Finalistenfeld hervor. Neben dem späteren Sieger Thomas Kreimeyer stand mit dem Musikkabarettisten Lars Redlich noch ein weiterer Teilnehmer aus Deutschland auf der Bühne des altehrwürdigen Theaters am Alsergrund. Die in der österreichischen Szene nicht ganz unbekannten Bernie Magenbauer und Michael Eibensteiner ergänzten das Feld.

Nachdem Thomas Kreimeyer den Abend mit einem Paukenschlag eröffnet hatte, war es für Bernie Magenbauer naturgemäß nicht einfach, das Publikum mit seiner "konventionelleren" Performance bei der Stange zu halten. Doch seine absurde Geschichte rund um einen turbulenten Trip entlang des Jakobsweges glänzte mit überraschenden, skurrilen Wendungen und sorgte damit für beste Stimmung im Auditorium. Der Showdown in einem andorranischen Wurstwarenverkaufs- und Bahnschrankenverleihgeschäft [sic!], bei dem Magenbauer und sein Reisegefährte Roberto Blanco nur knapp mit dem Leben davonkommen, hätte  wohl den Sonderpreis für bizarre Ideen abgeräumt - wenn es einen solchen gegeben hätte.

Nach der Pause wurde es musikalisch. Lars Redlich hatte aus Berlin ein Keyboard und eine Ukulele mitgebracht und schnell war klar: Hier ist ein virtuoser, junger Musiker am Werk, dem es auch an komischem Talent nicht fehlt. Redlich brachte unter anderem eine deutsche Übersetzung von Uriah Heeps "Lady in Black", ein episches Lied über Socken und deren tragische Schicksale als Putzlappen, Handpuppen oder Nummern im Adventkalender und interpretierte am Schluss eine barocke Oper im Hip Hop-Stil. Sein dynamisches Auftreten und wohl auch sein attraktives Äußeres bescherten ihm die meisten Publikumsstimmen des Bewerbes.

Den Schlusspunkt setzte Michael Eibensteiner. Er brachte Ausschnitte aus seinem aktuellen, von der Kritik hochgelobten Solo "Durch die Blume", in dem eine äußerst durchschnittliche Lebensgeschichte den roten Faden bildet. Eibensteiner berichtet über sein Aufwachsen, seinen Großvater, der als Hilfsarbeiter im Lagerhaus "die rechte Hand des Lehrbuben war" und über die Studentenzeit. Höhepunkt des Auftritts: Ein Gespräch zwischen dem Protagonisten und desssen Vorgesetzten in einem Call Center. Dabei dient der Hinterkopf und Nacken Eibensteiners als Gesicht des Chefs und der Kabarettist agiert in janusköpfiger Doppelfunktion.

Wiedersehen mit Mohab

Als sich die Fachjury dann für ihre Beratungen in die Katakomben des Theaters zurückzog, gab es ein höchst amüsantes Wiedersehen mit Marcel Mohab, dem Preisträger des Vorjahres. Er sorgte mit seinem unverwechsselbaren, von virtuoser Körperbeherrschung geprägten Programm einmal mehr für Begeisterung und war damit weit mehr als ein Pausenfüller.

Die Verlesung des Ergebnisses durch den bewährten Moderator Harry Granitzer bestätigte dann wohl die Erwartungen vieler der Anwesenden: Thomas Kreimeyers Auftritt überzeugte auf voller Länge und sorgte dafür, dass der Träger des Goldenen Kleinkunstnagels zum zweiten Mal in Folge einer ist, der den üblichen Genrekonventionen entsagt, der eigenständig ist und zeigt, dass die Szene nach wie vor voller Dynamik und Innovationskraft steckt. Was könnte man für ein erfreulicheres Resumée ziehen?

 

Der Goldene Kleinkunstnagel wird jeden November im Theater am Alsergrund ausgespielt und zählt zu den wichtigsten Kleinkunstpreisen des deutschsprachigen Raumes. Dafür, dass der Gewinner neben Ruhm und Ehre auch ein Preisgeld erhält sorgen die Sponsoren Wien Kultur, Bezirksvertretung Alsergrund, Orpheum Wien und die Künstleragentur E&A. Die beiden letztgenannten haben auch in diesem Jahr das ursprüngliche Preisgeld verdoppelt.

Artikel vom 18.11.2013, 16:01 Uhr · rb
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